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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Spannende Gegenüberstellung

BOPPARD (23. Juli 2011). Gewiss, ein trauriger Zufall: Einen Tag nach zwei unvorstellbaren und unerklärlichen Terroranschlägen in Norwegens Hauptstadt Oslo und auf ein Ferienlager von jungen Menschen mit über 70 Toten singt das Ensemble „Nordic Voices“ sein Programm „Magnum Mysterium“ als Gast des Festivals RheinVokal.

„Bak trengselens skyfulle dage en hviledag venter på dem“, klingt es durch die Karmerliterkirche in Boppard: „Hinter düsteren Tagen voller Trauer wartet ein Tag der Ruhe.“ Man mag es den Landsleuten der Sänger von Herzen wünschen – der Chorsatz von Bjarne Sløgedal (*1927) strahlt mit seinen folkloristischen Zügen tiefe Stille aus und schafft mit einfachen Mitteln, wofür sich die Meister der franko-flämischen Schule mächtiger Klangopulenz bedienten: dem „großen Geheimnis“, diesem „Magnum Mysterium“ musikalisch nachzuspüren.

Beide Stile, die Alte Musik von Christobal de Morales (1500-1553), Clemens non Papa (1510~1555), Pierre de Manchicourt (1510-1564) und Francisco Guerrero (1528-1599) sowie zeitgenössische Werke der norwegischen Komponisten Bjarne Sløgedal, Lasse Thoresen (*1949) und Henrik Ødegaard (*1955) stellten die „Nordic Voices“ jetzt alternierend gegenüber und offenbarten neben hörbaren Gegensätzen zur streng tonalen Polyphonie vergangener Zeiten auch überraschende Gemeinsamkeiten.

Die in Noten gefassten Labyrinthe de Morales‘, non Papas‘, Guerreros und de Manchicourts sind ein einziges Schweben, das die „Nordic Voices“ – Tone E. Braaten und Ingrid Hanken (Sopran), Ebba Rydh (Mezzosopran), Per Kristian Amundgrød (Tenor), Frank Havrøy (Bariton) und Trond Olav Reinholdtsen (Bass) – mit einer unglaublich reinen Transparenz und Homogenität intonieren. In Guerreros‘ Motette „Hei mihi Domine“ setzt sich die Sopranstimme federleicht, doch markant präsent auf die Unterstimmen, so dass man sich der Wirklichkeit für einen Moment entrückt fühlt. Auch die vitale Dynamik, mit der sich „Nordic Voices“ dieser Musik annimmt, beeindruckt zutiefst: In de Morales‘ zweiteiliger Motette „Exaltata est sancta Dei Genitrix“ schließt der erste Part mit dem „himmlischen Königreich“ in strahlendem Forte, um fast schon attacca in seidigem Pianissimo die „weiseste Junfrau“ anzurufen.

Zuweilen im krassen Gegensatz hierzu stehen die Werke der Gegenwart, die in Rhythmik und Duktus – diplomatisch formuliert – eher ungewohnt klingen. In ihrer Ausführung zuweilen anspruchsvoll ausgedehnt fordern sie vom Zuhörer Bereitschaft, Neues zu hören. Wer diese jedoch mitbringt, dem offenbaren sich nach und nach spannende Eindrücke – zumal „Nordic Voices“ hier nicht minder stilsicher arbeitet wie in der Alten Musik. Mit Thoresens „Solbøn“, einem Gebet an die Sonne, formen die sechs Stimmen mit obertonalem Summen die morgendliche Stimmung, um das in Töne gefasste Licht in wachsendem Klangclustern aufgehen zu lassen.

Packend ist die stilistische Gegenüberstellung vor allem dort, wo sich die Komponisten des gleichen Textes angenommen haben, wie bei „O magnum mysterium“ von Clemens non Papa und Henrik Ødegaard: Kommt die Musik des 16. Jahrhunderts mit einer feudalen Klangfülle daher, in der die Themen durch die einzelnen Stimmen wandeln, nähert sich die zeitgenössische Musik in einer staunenden Betrachtung, mit gestammelten Worten und schrill in der Dissonanz verweilenden Momenten.

Was in den skandinavischen Motetten jedoch am meisten beeindruckt, ist das hierzulande selten Gehörte, der Obertongesang: Mit dieser Gesangstechnik werden einzelne Teiltöne der Singstimme aus ihrem Klangspektrum herausgefiltert und getrennt von ihr wahrgenommen; es entsteht der Höreindruck der Polyphonie, wobei die Obertöne wie ein gehauchtes Säuseln oder metallisches Schnarren klingen.

Auch dies wird von „Nordic Voices“ perfekt beherrscht: In „Himmelske Fader“ von Lasse Thoresen, das auf einem Lied des norwegischen Volkssängers Ragnar Vigdal (1913-1991) basiert, legen sich die Obertonstimmen auf einen Grundakkord, wobei der Klang im Verlauf des Werkes polyphon aufblüht, um sich in einem intensiven Decrescendo hauchend zu verlieren. Auch im „Ave verum Corpus“ von Ødegaard erschafft „Nordic voices“ ein bestechendes Kaleidoskop aus Tönen. Keine Frage: Die Dame, die sich während des ersten zeitgenössischen Werkes die Ohren zuhielt und danach das Konzert verlies, hat etwas verpasst.

Das Konzert wurde mitgeschnitten und ist am 1.November 2011 von 20.03 bis 22.00 Uhr im SWR2-Abendkonzert zu hören.

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