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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schuldig. Und weiter?

DORTMUND (23. September 2011). Stellen die Passionsmusiken von Heinrich Schütz oder Johann Sebastian Bach die Erzählung des Leidens Christi und seine Konsequenzen für die christliche Seele in den Mittelpunkt, will Ernst Pepping (1901-1981) mit seinem „Passionsbericht des Matthäus“ die Dimensionen Schuld und Gnade tiefergehend reflektieren, entstand das 1951 uraufgeführte Werk doch in direkter Nachwirkung des Krieges und der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft.

Dass Pepping selbst am 17. Januar 1936 gelobte, „dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam“ zu sein und dies nie wirklich widerrief, ist dabei natürlich ein pikantes Detail, das Boris Kehrmann als Dramaturg des Abends im Konzerthaus Dortmund auch nicht verschweigt. Vielleicht war Peppings Passionsbericht auch aus diesem Grunde lange Zeit in Vergessenheit geraten, bis ihn der Berliner Rundfunkchor Anfang der 1980er Jahre ans Licht holte.

Dennoch ist es für ein Vokalensemble eine Herausforderung, diese Geschichte zu erzählen, die nicht zufällig mit dem Verrat des Judas beginnt, nachdem einleitend die Erfüllung der Prophezeiung aus Jesaja 53 – „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“ – angekündigt wurde: „Höre die Passion unseres Herrn Jesu Christi, geboren, gelitten, gestorben für Dich.“

Der Rundfunkchor Berlin, der vor allem mit seinen samtigen Bässen gefällt, zieht den Zuhörer in die Geschichte hinein: In der Intonation über jeden Zweifel erhaben und mit einer bemerkenswerten Transparenz intoniert er das Evangelium, wobei die rhythmischen Herausforderung tadellos gemeistert und die Dynamik dem gesungenen Wort maßgeschneidert angepasst wird: Des „Vaters Reich“ in der Abendmahl-Szene gelingt mit weitem Bogen, das Flehen Jesu im Garten Gethsemane ist schicksalsergeben und wie auf Zehenspitzen scheint sich der Heiland an die schlafenden Jünger heranzuschleichen. Im Intermedium, in dem die Gemeinde im satten Forte betet „Herr, bleibe bei uns; denn es will Abend werden.“, erklingt die Antwort „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Welt“ im sanften Piano des Doppelchors. Keine Frage: Diese Aufführung birgt wunderbare Momente – trotz der sperrigen Tonsprache Peppings.

Da man kaum umhin kann, die Zeit, in der dieser Passionsbericht entstand, ins Auge zu fassen, orientiert sich auch die szenische Aufführung des Rundfunkchors Berlin unter der Leitung von Stefan Parkmann daran, wobei das „Szenische“ darin besteht, dass sich die zivil gekleideten Akteure mal am Bühnenrand zusammenrotten und mal dem Publikum den Rücken zudrehen: Hans-Werner Kroesinger (Regie), Valerie von Stillfried (Ausstattung) und Boris Kehrmann (Dramaturgie) lassen einem Triptychon gleich Szenen aus Altarbildern und vor allem Schwarz-Weiß-Fotografien von der kriegerischen Zerstörung 1945 einspielen. Kommentiert wird dies neben der Musik von einzelnen Textsequenzen aus dem Libretto. Auch hier liegt der Akzent auf der Schuld.

Doch wer ist gemeint? Das Volk, das den Krieg begann, der Bomberpilot, der seine tödliche Fracht abwarf? Der Mensch, der seinesgleichen bekanntermaßen ein Wolf ist? Es bleibt so vieles im Vagen an diesem Abend. Um eine aktuelle Dimension zu erreichen, hätte man daran denken können, dass der Zweite Weltkrieg nicht der letzte war; und um ein Statement abzugeben, hätte man sich daran erinnern können, dass auch deutsche Soldaten wieder in „kriegsähnliche“ Einsätze involviert sind.

So endet das verstörende Werk nach 70 langen Minuten mit einer seltsamen Szene: Vier Damen vom Chor gießen klares Wasser in präparierte Becken, während andere Handtücher in Kompaniestärke bringen, die an Bühnenrand abgelegt werden. Danach erklingt die letzte Motette, in der um Erbarmen gefleht und die göttliche Gnade besungen wird: Die Badutensilien bleiben freilich unkommentiert. Laden sie dazu ein, sich die Hände in Unschuld oder einander rituell die Füße zu waschen?

Am Schluss ertönt frenetischer Applaus – viel zu schnell. Und viel zu laut: Dass sich hier auch begeisterte Pfiffe ins Johlen mischen, ist nur schwer zu ertragen und lässt einen rasch die Flucht ergreifen. Die Leistung der Sänger war an diesem Abend zweifelsohne groß und der Beifall ist verdient. So aber nimmt er der Aufführung ihren Bekenntnischarakter. Und das ist mehr als schade…

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