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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Hiobs Botschaft

MAINZ (12. Juli 2010). In bewegten Zeiten wie diesen kommen sie mit unangenehmer Regelmäßigkeit: die Hiobs-Botschaften. Und selbst so mancher Agnostiker mag erschreckende Parallelen zwischen eigenem Pech und dem Schicksal des biblischen „Mannes im Lande Uz“ erkennen, den Gott ruinierte und mit Krankheit schlug. Doch Hiob bleibt treu, verliert seinen Glauben nicht und die Disharmonien des Ringens mit dem Teufel münden letztendlich in ein überzeugtes Dur.

Der Komponist Petr Eben (1929-2007) ließ sich als einer der wichtigsten tschechischen Komponisten der Neuzeit von dieser Figur inspirieren und schuf 1987 den gleichnamigen Orgelzyklus „Hiob“, bei dem ein Sprecher die alttestamentarische Geschichte erzählt und das Instrument den Worten tonmalerisch nachspürt, sie illustriert und mitunter durch verstörende Dramatik musikalisch in Szene setzt.

In der Gonsenheimer Kirche St. Stephan erklang diese Orgelsinfonik in acht Sätzen jetzt als Konzert der Mainzer Hochschule für Musik, das von Studierenden unter der Leitung der polnischen Gastdozentin Magda Czajka gestaltet wurde. Die Professorin für Orgel und Cembalo an der Warschauer Musikuniversität Fryderyk Chopin hielt während ihres Mainz-Aufenthalts unter anderem ein Seminar zur Orgelstilkunde und ging hier unbekannten Orgelsonaten des 20. Jahrhunderts nach.

Nun also Petr Ebens „Hiob“: Die Studierenden – Adrian Caspari, Sa Ra Park, Sebastian Bothe, Ania Pikulska, Eva Schuler, Manuel Braun, Johannes Scharfenberger und Malgorzata Skrzypek – haben sich mit der Musik Ebens spürbar intensiv auseinandergesetzt und spielen die einzelnen Sätze trotz der acht Interpreten als in sich geschlossenen Zyklus. Zu diesem „Hiob“ findet der Hörer erstaunlich leicht einen Zugang: Monolithisch erklingt die Stimme Gottes zu Beginn und bekommt als Antwort zitternde Intervalle. Das Jammern tremuliert, doch die Dissonanzen haben nur scheinbar die Oberhand.

Die Farbigkeit des Klangs wird natürlich durch das gesprochene Wort intensiviert: Franzjosef Hauser weiß als Lektor von St. Stephan die Geschichte delikat zu deklamieren und der Hörer fühlt sich durch diese Leidensschilderung direkt angesprochen.

Somit schwingt der konzertante Abend zwischen zwei Polen, denn Ebens „Hiob“ geht die übermenschlichen Prüfungen eher von der Erlösung aus an: Natürlich ist Raum für Klage und Verzweiflung; doch immer sind in Motiven der Gregorianik oder Choralzitaten auch die Empfindungen von Hoffnung und Zuversicht zu hören. So stehen die Melodien von „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ oder „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ als in sich ruhende Empfindung den klirrenden Klagen gegenüber, werden wohl getrübt, bleiben aber stets hörbar. Besonders eindringlich gelingt die zornige und ratlose Reflexion Hiobs, die sich als musikalische Katharsis vor einer sich düster mäandernden Passacaglia aufbaut.

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