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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Beispielloser Kraftakt

MAINZ (3. September 2016). Was müsste der Organist Volker Ellenberger wohl tun, um vom Dienst suspendiert zu werden? Abgesehen davon, dass der Kantor von St. Johannis derzeit gar keine „eigene“ Orgel hat, würde er es wohl sicher nicht so weit treiben wie der von ihm hochgeschätzte Komponist und Kollege Max Reger (1873-1916): Bei dem fürchtete die Geistlichkeit im oberpfälzischen Weiden seinerzeit nämlich, er könne die Orgel der Pfarrkirche mit seinem furiosen Spiel beschädigen und forderte gar seine Absetzung.

Zwei Jahre zuvor, zwischen 1898 und 1900, hatte Reger seine Choralfantasien geschrieben: Sieben an der Zahl bilden sie ein monumentales Kompendium, dessen Klangreichtum die eher besinnlichen Verse, die als Grundlage dienten, haushoch überragt. Diese Werke an einem Abend komplett aufzuführen ist eine monumentale Herausforderung an den Interpreten. Bereits im Vorfeld hatte Ellenberger, der dieses Projekt nun an der Förster & Nicolaus-Orgel der Christuskirche realisierte, von einem „Hardcore-Programm“ gesprochen und angemerkt, dass einem Organisten diese Musik nur schwer „in den Fingern bleibe“ – ein barockes Präludium mit Fuge ist fraglos eingängiger.

Ellenberger tauchte also ein in Regers tiefen Klangozean und nahm sein Publikum mit auf die Reise durch diese „sieben Meere“: „Ein feste Burg ist unsrer Gott“ (op.27), „Freu Dich sehr, o meine Seele“ (op. 30), „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und „Straf‘ mich nicht in Deinem Zorn“ aus Opus 40 sowie „Alle Menschen müssen sterben“, „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und „Halleluja, Gott zu loben bleibe meine Seelenfreude“ aus Opus 52. Die Akribie, mit der Ellenberger die Werke durchdrang, lag in diesem Konzert, das mit zwei Pausen über drei Stunden dauerte, fast schon knisternd in der Luft.

Das Publikum erlebte indes etwas Außergewöhnliches – und fraglos auch Anstrengendes, denn Klänge zum Meditieren bieten Regers Orgelfantasien nicht: Es sind großflächige Tongemälde, die man zwar einfach und unvoreingenommen betrachten kann, wofür es jedoch eigentlich kundiger Führung bedarf. Das Konzert in der Christuskirche fand eine Lösung: Jeweils vor den Partien sprach Universitätsprediger Stephan Meyer-Wenkhoff zu den Choralversen und gab damit theologische Orientierungshilfe.

Reger hatte sich durch das Medium der Musik lange mit den Fragen um Leben, Tod, Diesseits und Jenseits beschäftigt, wofür ihm gerade die Choräle wichtige Inspirationen schenkten. Die Fantasien sind keine Programmmusik, bieten jedoch faszinierende Umsetzungen der Inhalte. Ellenberger überzeugte hier mit stringenter Gradlinigkeit und wohl dosiertem Rubato-Spiel, so dass die musikalische Architektur mit ihren zahlreichen Wendungen und Atmosphären deutlich aufgezeigt wurde.

Reger tritt in seinem 100. Todesjahr vielfach aus dem unverdienten Schatten, in den ihn die Rezeption lange Zeit gestellt hat, hinaus. Und doch war gerade dieser Abend von besonderer Bedeutung, denn Ellenberger leistete mit seiner eindringlichen Interpretation der Choralfantasien nicht nur einen beispiellosen Kraftakt, sondern trug gleichsam auch eine gehörige Schicht Mörtel für ein imaginäres Denkmal dieses großen Komponisten der frühen Neuzeit auf. Es ist zu wünschen, dass andere Kollegen ihm hier auch abseits von Gedenktagen und -jahren mutig folgen.

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