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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Traummaße“: 124.000 – 153 – 42

OESTRICH-WINKEL (11. Februar 2016). Same procedure as last year? Same procedure es every year – und doch beeindruckt das Zahlenmaterial immer wieder aufs Neue: 2016 bietet das Rheingau Musik Festival 124.000 Karten für 153 Konzerte an 42 Spielorten.

Der Gesamtetat – derweil werden letzte fehlenden Gelder zu generieren versucht – beträgt acht Millionen Euro, der Anteil an öffentlicher Förderung daran ist, wie in den Vorjahren auch, mit 0,31 Prozent (25.000 Euro) fast verschwindend gering. Das ist nichts Neues, aber dennoch erwähnenswert: Obwohl das Rheingau Musik Festival eindeutig einen Bildungsauftrag wahrnimmt und erfüllt, hat es keinen – und damit auch keinen Zugang zum Steuertopf.

Leider wird auch das Sponsoring aufgrund strengerer Compliance-Kodizes in der Wirtschaft nicht leichter, doch ist man sich in der Festival-Leitung sicher, auch weiterhin den Anteil dieser Unterstützung auf dem Vorjahresniveau von etwa 45 Prozent halten zu können. Schließlich plant das Künstlerische Betriebsbüro in Oestrich-Winkel bereits die Saison 2017 – und unterschreibt hierfür bereits Verträge.

Doch auch für 2016 gilt: Als privatwirtschaftliches Unternehmen müssen Intendant Michael Herrmann und seine Mannschaft vor allem die Zuschauerränge voll kriegen. Aufgrund mangelnder Sponsorengelder setzt man in diesem Jahr daher auch mit dem Komponistenportrait aus. Der Verlust schmerzt angesichts des übervollen Programms für die Sommermonate aber kaum.

Drei Künstler rückt das Festival in diesem Jahr in den Mittelpunkt: die Geigerin Isabelle Faust – ihr Konterfei schmückt die Ausgabe der „Ouvertüre 2016“, die wie der Internat-Auftritt einem moderaten Lifting unterzogen wurde –, den Dirigenten Yannick Nézet-Séguin sowie den Jazz-Trompeter Till Brönner. Damit – Faust wird unter anderem gemeinsam mit der Soprnaitsin Anu Komsi die „Kafka-Fragmente“ von György Kurtág spielen – setzt man einen hörbaren Akzent auf die Musik auch abseits des Mainstream von Albinoni bis Zelenka. Allerdings verstehen es die Programmplaner Lisa Ballhorn und Timo Buckow durchaus, das eine zu tun ohne das andere zu lassen.

Selbst wenn dem geneigten Freund Bachscher Musik vielleicht auffällt, dass der geschätzte Thomaskantor in diesem Jahr nicht ganz so präsent erscheint wie in der Vergangenheit – das Festival-Programm ist ausgewogen und versteht es, jeden Geschmack zu bedienen: vom Kinderkonzert für die ganz Kleinen über Jazz- und Weltmusik bis zu Barock, Klassik, Romantik und Blicken in die Welt der zeitgenössischen Komposition.

Schwerpunkte bilden die Themen „Starke Frauen“, die Feier des 175. Geburtstag Antonin Dvořáks und „Klanggewalten“. Ersteres beginnt bereits im Frühjahr, wenn am 27. und 28. Mai in Kooperation mit den Wiesbadener Maifestspielen Henry Purcells „Dido und Aeneas“ (mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble sowie -Solisten unter der Leitung von Thomas Hengelbrock) zur Aufführung gelangt. Man hört die bezaubernde Sopranistin Dorothee Mields, lauscht Isabelle Faust als Artist in Residence (unter anderem am 29. Juli, wenn sie in Flörsheim an nur einem Abend sämtliche Bach Partiten und Sonaten für Violine solo aufführt) und erlebt die Schauspielerin Suzanne von Borsody gemeinsam mit dem Trio Azul oder die Sängerin Ute Lemper.

Von Dvořák erklingen am 24. Juni das Requiem, am 8. und 9. Juli die Slawischen Tänze sowie in weiteren Konzerten Kammer- und sinfonische Musik. Die „Klanggewalten“ rücken dann große chorsinfonische Werke wie Ludwig van Beethovens „Missa solmenis“, Carl Orffs „Carmina Burana“ oder Claudio Monteverdis „Marienvesper“ in den Mittelpunkt.

Aus den 153 Konzerten ließen sich sicherlich zahlreiche „Perlen“ klauben – programmatisch wie besetzungstechnisch: Es gastieren Grigory Sokolov, Paavo Järvi, Mark Padmore, Jan Lisiecki, Max Mutzke, Julia Fisher, Daniel Müller-Schott, Christian Gerhaher, Klaus Hoffmann, Sir András Schiff, Hilary Hahn, Götz Alsmann, es spielen die Berliner Philharmoniker, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die Prager Symphoniker, der Choir of the King’s Consort, das Rotterdam Philharmonic Orchestra – nebst vielen anderen. Kammermusik, große Stimmen, gewaltige Klangkörper, Stars von heute und morgen – auch für das Programm des 29. Rheingau Musik Festivals gilt: „Same procedure as every year“.

Weitere Informationen und Kartenbestellung ab sofort unter http://www.rheingau-musik-festival.de.

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