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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sweet cherries from neighbour‘s garden

KOBLENZ (16. Juli 2014). Wer den spezifischen Klang eines Knabenchors liebt, hat weltweit zahlreiche Ensembles, deren Künste ihm wunderbare Musikmomente schenken können. Vor allem an einem Land aber kommt er nicht vorbei: England. Die dortige Chorszene hat eine lange Tradition, an der sie jedoch nicht schwer trägt, sondern sie als wertvolles Erbe kunstvoll pflegt und bewahrt. Vor allem das hörte man im RheinVokal-Konzert des Choir of New College Oxford.

In der Herz-Jesu-Kirche in Koblenz war dieser grandiose Klangkörper jetzt unter der Leitung seines langjährigen Dirigenten Edward Higginbottom zu Gast und zeigte, wie unnachahmlich er die Werke der englischen Renaissance und des Barock umzusetzen versteht. Denn eigene Interpretationen hörte man an diesem Abend weniger als vielmehr die Musik, wie sie die Komponisten von Nicholas Ludford und John Taverner über Thomas Tallis und William Byrd bis hin zu Henry Purcell und Matthew Locke wohl gedacht haben: als Hineintauchen in den Klang, der die vertonten Verse eindringlich übersetzt.

Schon allein der Einzug zu Tallis‘ „Te lucis ante terminum“ drückt jene Würde aus, die die Knaben in ihren roten Chorröcken und dem weißen Waffelkragen verströmen. Mit britischer Noblesse führt Higginbottom seine 14 Knabenstimmen in den Chorraum, zu denen sich im „Audivi vocem de caelo“ 17 Männerstimmen gesellen. Der Choir of New College Oxford besteht dabei aus den Chorists (Chorknaben), Academical clerks (Studenten mit einem Gesangsstipendium) und den Lay clerks (professionelle Männerstimmen).

Ist man von deutschen Knabenchören ein der Literatur von Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach über die Romantik eines Max Reger und Felix Mendelssohn Bartholdy bis hin zu zeitgenössischer Musik geschuldetes, klares Klangprofil gewohnt, zeichnet die englischen Ensembles in der Pflege vor allem der Alten Musik ein ganz eigenes aus: kraftvoll und klangverliebt, dabei weich und warm strahlend. Der silbrige Schneid fehlt, stattdessen mutet ihr Ton wie eine flauschige Decke an, die man sich um die Schultern legt.

Sowohl im blutvollen Tutti als auch im solistisch besetzten Ensemble begeistert der New College Choir Oxford, an dem man sich kaum satthören mag. Dabei wechseln die Besetzungen immer wieder. Gerade die Knabenstimmen sind grandios, denn sie gehen vollkommen in der Musik auf – selbst wenn hier eine Intonation vielleicht mal kaum hörbar schwankt, so ist ihr Ton viel hinreißender als blitzsaubere Perfektion. Gemeinsam mit den Männerstimmen aus verschiedenen Generationen mischen sie sich zu einem wunderbar authentischen Klang.

Dass sich die Männerstimmen über die gesungenen Texte Gedanken machen, ist anzunehmen. Doch vor allem die Jungen intonieren die englischen und lateinischen Verse mit einer ehrlich empfundenen Inbrunst, dass es einen seltsam berührt: „Lord, let me know mine end“ von Maurice Green (1695-1755) ist eine Betrachtung über den Tod, Purcells „My beloved spake“ eine hinreißende Vertonung des Hohelieds. Die packende Polyphonie der Renaissance, die am Text orientierte Klangintensität des englischen Barock wie in Lockes „How doth the city“ – hier ist die stilistische Heimat des New College Choir Oxford. Und der gestaltet mit seinem Koblenzer Auftritt einen konzertanten Evensong, an den man sich noch lange erinnern wird.

Für jemanden, der vielleicht selbst früher in einem der besten Knabenchöre der Welt singen durfte und daher mit Kritik gegenüber anderen Ensembles dieser Art recht schnell bei der Hand ist, wird es plötzlich leicht, selbstverständlich und voller Hochachtung gegenüber der Leistung dieser Jungs zuzugeben: „I never thought that the cherries in neighbour‘s garden are so sweet…“

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