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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Gesungener Gottesdienst

BINGEN (29. Juli 2012). Sie erscheinen dem Hörer fremd und doch zugleich vertraut: die Klänge, denen sich das Ensemble Diabolus in Musica verschrieben hat. Dabei kann man mit ihnen durchaus die Charts stürmen: Die emsigen Zisterziensermönche vom Stift Heiligenkreuz machen es vor. Nun gibt es jedoch einen großen Unterschied zwischen dem Wirken der Franzosen, die nun zum wiederholten Male im Rahmen des Festivals RheinVokal gastierten und dem doch eher merkantilen Interesse der Plattenindustrie an der Gregorianik: eben die Differenz zwischen Kunst und Kommerz.

Passend zum Ort, der Binger Basilika St. Martin, intonierten sie die „Historia Sancti Martini“ und zelebrierten damit einen Festgottesdienst zu Ehren des heiligen Martin, im 13. Jahrhundert in der Basilika St. Martin in Tours gefeiert.

Jeder kennt die Legende von St. Martin, in der er seinen Mantel teilt und dem unbekleideten Bettler gibt – sie wird jährlich in unzähligen Laternenzügen besungen: am 11. November, dem Tag der Beisetzung des Heiligen von Tours. Seiner gedenkt man auch in der Namensgebung vieler Kirchen, nicht nur in der Binger Basilika oder im Mainzer Dom.

„Diabolus in Musica“ machte mit diesem Konzert, das tatsächlich weniger einem klassischen Konzert als vielmehr einem meditativen Gottesdienst glich, einen stilistischen Schritt in das 13. Jahrhundert, in dem der Kanoniker Péan Gatineau die Gesänge niederschrieb. Derart detailliert notiert ist es dem Ensemble möglich, die Liturgie jener Zeit für diesen Nachmittag fesselnd und glaubhaft zu intonieren. Mit seiner musikalischen Exegese entrückte das vokale Sextett seine Zuhörer für einen Moment der profanen Welt, umhüllt einen in diesen Klängen doch etwas Unbekanntes, Ungeahntes und doch Vertrautes; trotz ihrer klaren Struktur scheint diese Musik weder Anfang noch Ende zu haben.

Die Feier beginnt würdevoll mit dem wörtlich genommenen Introitus, zu dem die Sänger durch das Kirchenschiff schreiten – schon hier wird klar, was „Diabolus in Musica“ auszeichnet: Sechs verschieden gefärbte Stimmen, die sich im Tutti zu einem atemberaubenden tonalen Kolorit der Polyphonie auffächern. In Echos und Wechselgesängen, parallel geführt oder unisono kreisen sie um das gesungene Wort, die eindringlichste Art des Gotteslobs.

Koloraturen und Verzierungen flattern dabei um die Akkorde herum, die sich nach farbigen Modulationen im transparenten Intervall auflösen. Der Gesang von „Diabolus in Musica“ wirkt dabei wie ein steter Fluss: Die Kunstfertigkeit findet sich in der Einfachheit und weit gespannte dynamische Bögen verstärken die eindringliche Wirkung dieser Liturgie, die Antoine Guerber als Leiter des Ensembles mit der Schilderung vom Ableben des heiligen Martin wie mit einem deutschen Untertitel unterlegt.

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