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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Auf ins Paradies zu dir!“

BOPPARD (28. Juli 2012). Zwei begnadete Stimmen, ein exquisites Ensemble, ein talentierter Dirigent – was will man mehr, wenn das „Stabat mater“ von Pergolesi erklingt? In St. Pankratius in Boppard-Herschwiesen, jener innen frisch renovierten Saalkirche und Perle barocker Baukunst, durfte das Publikum von RheinVokal jetzt die beiden Countertenöre Valer Barna-Sabadus (Sopran) und Terry Wey (Alt) mit dem Neumeyer Consort hören. Unter der charismatischen Leitung von Michael Hofstetter erlebte man damit sicherlich einen der Höhepunkte des Festivals am Mittelrhein 2012.

Zuerst jedoch erklangen zwei andere Werke von nicht minder erlesener Qualität: Vertonungen des „Salve Regina“ für Solostimme, Streicher und Basso continuo von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) für Sopran und von Johann Adolph Hasse (1699-1781) für Alt. Beide Vokalisten präsentierten sich hierbei in Bestform.

Valer Barna-Sabadus (Countertenor im Sopranfach) besticht durch eine unmittelbar wirkende Eindringlichkeit. Seine Dynamikbögen entwickeln dank einer unglaublich disziplinierten Stimm- und Atemtechnik eine Strahlkraft, der man sich nicht entziehen kann. Packend erklingen die lateinischen Worte, für deren Übersetzung man kaum das deutsche Libretto zu Rate ziehen muss: Begriffe wie „mater misericordia“ oder das „lacrimarium valle“ erklären sich von selbst, denn Barna-Sabadus reißt jenes Tränental in leuchtenden Klangfarben vor dem inneren Auge auf.

Terry Wey steht ihm in nichts nach und bildet mit seinem warm schimmernden Alt ein perfektes Pendant. In Hasses „Salve Regina“ ist er jederzeit mit schlankem Ton präsent, dem es nie an ergreifender Kraft gebricht. Federleicht durchschreitet er die vier Sätze dieses Werkes und gebraucht seine Stimme virtuos als Instrument, das sich naht- wie mühelos in den Klang des exzellent musizierenden Neumeyer Consorts einfügt, mit ihm verschmilzt und sich wieder galant aus der tonalen Umklammerung löst.

Die folgende Frage ist natürlich eine rein rhetorische: Welches Duett möchte man mit diesen Künstlern erleben? Pergolesis „Stabat mater“ steht nach der Vorstellung der beiden Solisten logisch an dritter Stelle, um den Genuss des Abends zu potenzieren. Das Textheft hält dabei nicht nur die 20 Strophen des mittelalterlichen Poems, sondern auch die wunderbare Übersetzung von Christoph Martin Wiesland aus dem Jahr 1779 bereit, die das Reimschema (a-a-b-c-c-b) beibehält.

Und auch in diesem Werk gelingt den beiden Sängern eine Adaption, die sich von selbst deutet: Das Schwert des Weltgerichts, die bittren Qualen der Gottesmutter am Kreuzesstamm, die Wut schwerer Geißeln, das Entbrennen in Liebe, das „heil’ge Feuer“ oder des Grabes „düst’re Höhle“ – hier werden sie Ereignis und die Intonation der Arien gleichsam zum überwältigenden Rezitativ.

Valer Barna-Sabadus und Terry Wey zeigen schon in den ersten Takten, dass sie die Interpreten dieses Werkes sind (was notabene in genau dieser Besetzung 2011 bei Oehms Classics auf CD erscheinen ist). Wie das Neumeyer Consort schichten sie die Töne aufeinander, wobei sie unbedingte Transparenz walten lassen. Dramatische Momente wechseln mit tänzerischem Duktus, filigranes „messa di voce“ mit aufblühender Dynamik wird zum fesselnden Stilmittel und sowohl in ihren Solopartien als auch in den hinreißenden Duetten lässt diese Interpretation die übliche Besetzung mit Frauenstimmen fast obsolet erscheinen.

Dieses „Stabat mater“ hält fraglos transzendente Momente bereit, beispielsweise als ein Gewittergrollen die Verse vom „trostberaubten“ Gottessohn, der seinen Geist „still veratmet“, untermalt. Was an diesem Abend besonders besticht, ist der allzeit natürliche Melodiefluss, dem die Interpreten fern aller Manierismen keine sperrigen Steine in den Weg legen. In vollkommener Harmonie stimmen die Sänger überirdisch schön die letzten Verse an: „Quando corpus moriertur / Fac, ut animae donetur / Paradisi gloria!“ – Deckt des Grabes düst’re Höhle / Meinen Leib, so nimm die Seele / Auf ins Paradies zu dir!“

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