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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Gesungene Gewissheiten

BINGEN (21. Juli 2013). Als Wolfgang Amadeus Mozart 1789 während eines Besuchs in Leipzig den Thomanerchor mit der Motette „Singet dem Herrn“ aus der Feder Johann Sebastian Bachs hörte, meinte er: „Das ist doch einmal etwas, woraus sich was lernen lässt.“

Zweifelsohne gehören Sie zu den anspruchsvollsten Chorwerken, weswegen sich selten Ensembles daran wagen, alle sieben in einem Konzert aufzuführen. In diesen Genuss kam jedoch das RheinVokal-Publikum: Unter der Leitung von Hermann Max sang die Rheinische Kantorei in der Basilika St. Martin die Bachschen Motetten, wobei ihr durchaus eine Referenzaufführung gelang.

„Ich lasse dich nicht“ gehörte ursprünglich zu den Bach fälschlich zugeordneten Kompositionen. Jüngere Forschungen haben jedoch ergeben, dass es sich um ein Frühwerk des Thomaskantors handelt. Für die Liebhaber der Bach-Motetten war es daher eine Überraschung, dass die Rheinische Kantorei mit diesem Werk eröffnete – und es sollte nicht die einzige bleiben. Behutsam und unaufdringlich vom Continuo aus Barbara Kernig (Cello) und Christoph Lehmann (Orgel) begleitet erschloss Dirigent Max den wunderbaren Kosmos Bachscher Vokalkomposition.

Ohne Übertreibung perfekt akzentuiert singt die Rheinische Kantorei das Postulat „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ und drückt den sehnlichen Wunsch durch drängendes Crescendo aus. Die vertrauensvolle Ergebenheit in die Hände Gottes zieht sich wie ein roter Faden durch alle sieben Motetten. Hier kommen wichtige theologische Aussagen zur Sprache und werden durch Bachs Musik zur Gewissheit: „Fürchte dich nicht“ singt der Chor in traumhaft transparent musizierter Fuge und endet intonatorisch über jeden Zweifel erhaben im Schlussakkord: „Du bist mein!“

Die Stimmen der Rheinischen Kantorei sind äußerst ausgewogen, die genaue Diktion des Ensembles ist Teil seines Klangs und in „Jesu, meine Freude“ gelingen Passagen von solch gekonnter Dynamik, dass man das Pianissimo getrost als „Hauch von einem Nichts“ goutieren kann. Max erschafft Pathos, ohne pathetisch zu musizieren: In „Komm, Jesu, komm“ spürt man den „sauren Weg“, der der Seele zu schwer wird, bevor die Aussage „Du bist der rechte Weg, die Wahrheit und das Leben“ geradezu tänzerisch dahinfließt. Ätherisches Schweben in „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“ und grandioser Jubel in „Singet dem Herrn“ – Hermann Max ist tatsächlich eine packende Neuinterpretation der Bachschen Motetten gelungen.

Die Bachschen Motetten sind mit der Rheinischen Kantorei unter Hermann Max aktuell auf CD erscheinen (Label cpo).

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