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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ferien im klanglichen Märchenland

BAD EMS (22. Juni 2013). In seinem jüngsten Roman „Cabo de Gata“ lässt Eugen Ruge seinen Helden gestehen, dass dieser, in der früheren DDR groß geworden, nicht wusste, dass das Wort „andalusisch“ eine Region im Süden Spaniens beschreibt – für ihn bedeutete es „wunderbar“ und „zauberhaft“, Andalusien war schlicht „ein Märchenort“. Und genau dahin fühlte sich der Zuhörer des live aus dem Kursaal in Bad Ems in SWR2 übertragenen Eröffnungskonzerts von RheinVokal versetzt.

Das Ensemble „L’Arpeggiata“ der begnadeten Theorbistin Christina Pluhar und die zwei Vokalisten Raquel Anduezza und Vincenzo Capezzuto nahmen ihr Publikum mit dem Programm „Mediterraneo“ mit auf eine klangliche Reise Richtung Mittelmeer. Und wie jeder Traumurlaub war auch dieses Konzert viel zu schnell vorbei.

Pluhar ist Spezialistin für Alte Musik. Was sie jedoch von anderen Musikern der Szene abhebt, ist die Brücke, die sie und „L’Arpeggiata“ in die Gegenwart bauen, denn Komponisten des 16. und 17. Jahrhunderts wie Maurizio Cazzati oder Girolamo Kapsberger klingen so, als würden sie in einem verrauchten Jazz-Keller gespielt!

Wie Margit Übellacker das Psalterion schlägt oder Doron Sherwins Zink-Spiel an die Trompete eines Chet Baker erinnert, Franceso Turrisi am Cembalo groovt oder Boris Schmidt den Schlagbass spielt, hat eine unglaubliche Frische und die Jahrhunderte, die diese Musik auf dem Buckel hat, verblassen vor der Vitalität des Moments. Marcello Vitale, der auf der barocken Chitarra battente musiziert, ist auch gleichzeitig „jüngster“ Komponist des Programms. Seine „Tarantella a Maria di Nardo‘“ dokumentiert die Zeitlosigkeit aller Musik und David Mayoral treibt die Musikanten mit Kastagnetten zu atemberaubenden Accelerandi.

Da bei RheinVokal aber natürlich die Stimme im Mittelpunkt steht, wird „Mediterraneo“ von zwei hinreißenden Vokalisten gekrönt, die die italienischen Volksweisen und „Canti grecco-salentino“, Lieder der griechischen Minderheit in Süditalien, intonieren. Solistisch und im Duett verleihen Raquel Anduezza und Vincenzo Capezzuto dem Auftaktkonzert eine Brillanz, die – eben ganz mediterran – schwebt und flimmert: Der Sopran Anduezzas klingt wie eine leicht angeschlagene Saite, die wunderbar nachschwingt, ihre intensiv ausgesungenen Linien und federnden Koloraturen sowie ihre rezitative Stimmführung lassen aufhorchen.

Star des Abends ist jedoch Capezzuto, ursprünglich ausgebildeter Tänzer und von Pluhar zum Singen animiert: Seine juvenile Stimme, die an die eines Knaben erinnert, tanzt und jongliert dabei mit Wörtern und Silben, dass man aus dem Staunen nicht hinauskommt. Sein Organ klingt leicht gedrückt, was ihm einen ganz eigenen, unvergleichlichen Klang verleiht. Anduezza ist Sopranistin – Capezzuto „schlicht“: Sänger.

Informationen zum festival finden sich im Internet unter http://www.rheinvokal.de.

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