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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Global denken – lokal musizieren

OESTRICH-WINKEL (26. Juni 2012). Nach den feierlichen Eröffnungskonzerten mit Carl Orffs „Carmina Burana“ startete das Rheingau Musik Festival parallel mit zwei Konzerten: Pianist David Frey spielte im Fürst von Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven. Klassik pur also auf der einen Seite, auf der anderen mit ligurianischer Folklore im Weingut Allendorf ein hörenswerter Kontrapunkt. In seinem 25. Jahr beeindruckt das Festival erneut durch Akzentreichtum. Was auch die „anderen“ rund 150 Konzerte beweisen werden.

An diesem Abend aber: „I Liguriani“. Fabio Biale (Gesang, Violine, Gitarre und Percussion), Michel Balatti (Holzflöte), Fabio Rinaudo (Dudelsack), Filippo Gambetta (Akkordeon) sowie Claudio De Angeli (Gitarre) haben sich unter ihrem einfachen wie klangvollen Namen zusammengefunden, um die Folklore jenes Landstrichs an der italienischen Riviera mit prallem Leben zu erfüllen. Genua ist das Zentrum, San Remo die Stadt im Westen, La Spezia im Osten.

Vier Provinzen habe die Region, erklärt Balatti und nennt auch gleich vier Spezialitäten: „Akkordeon, Tänzer, Salami und den Barbera“, um augenzwinkernd besonders Wurst und Wein als tragende kulturelle Säulen zu benennen. Fraglos haben sich „I Liguriani“ von Speis‘ und Trank die Würze und das Berauschende geborgt: In dynamischen Arrangements vereinen sie rustikale Elemente mit harmonischer Eleganz und lassen mit ihrem Mix aus Volkslied, traditionellen Tänzen und eigenen Kompositionen stilistisch aufhorchen.

Denn das, was Liguriens Folklore zu bieten hat, scheint schier uferlos und spannt einen Bogen, der weit über die Grenzen reicht: Wie in einem Wettstreit treten da Gambettas Knopfakkordeon und Biales Violine in einen Wettstreit, um den Duktus nach Eingreifen des Akkordeons plötzlich ins Osteuropäische schwappen zu lassen. Erst der Einsatz des Dudelsacks holt das Ganze klanglich mit Schwung wieder in westliche Hemisphären und nimmt seinerseits Kurs auf Irlands Gestade.

Der Reiz des Abends liegt abgesehen von der Profession der Musiker und der Freude am gemeinsamen Spiel in jener bunten Vielfalt: Von Genua aus segelten Schiffe in die Welt hinaus und brachten die Klangfarben anderer Völker mit nach Hause. Und auch bei „ I Liguriani“ verschwimmen die stilistischen Grenzen wie Wellen auf kabbeliger See. Schnell wird klar: Musik, jene Sprache, die überall verstanden wird, hat zuweilen auch den gleichen Klang.

Und mit ihm ziehen „I Liguriani“ ihrer Hörer in den Bann: Auf Englisch und – naturalmente – auch auf Italienisch erzählen Michel Balatti und Fabia Rinaudo von ihren Stücken, deren Balladen Fabio Biale mit rauchig-zarter Stimme intoniert. Da erklingen angejazzte Riffs auf der Gitarre, eine irische Bodhran gibt den Beat und einer barocken Passacaglia gleich wiederholen sich die Melodien, die von den verschiedenen Instrumenten jeweils in ihre ganz eigene Sprache übersetzt werden.

„I Liguriani“ legen die Wurzeln ihrer Folklore, die bis in die Renaissance reichen, liebevoll frei und weisen mit eigenen Arrangements behutsam in die Zukunft. Es erklingt eine vitale Musette, eigentlich ein populäres Genre der französischen Unterhaltungsmusik, aber eben auch der Name der Sackpfeife, die Rinaudo mit deftigen Glissandi spielt.

Man wundert sich über die fröhliche Lebendigkeit eines doch eigentlich liebesbekümmerten Liedes und kann sich an einem kaum satthören: Wenn die Instrumente nacheinander einstimmen und sich zum grandiosen Tutti finden, wie in einem Staffellauf die Themen überreichen und sich zuweilen wieder in Einzelstimmen verlieren, dann entsteht im Inneren selbst ohne eigene Urlaubserinnerungen ein Bild Liguriens – auch abseits von Spaghetti con Pesto alla genovese…

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