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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Bach in der Zentrifuge

KIEDRICH (14. August 2013). Manche Konzerte machen vor allem eines: ratlos. Auch der Auftritt der amerikanischen Pianistin Simone Dinnerstein, die jetzt im Laiendormitorium von Kloster Eberbach mit Bachs „Goldberg-Variationen“ ein nächtliches Rezital gab, gehört dazu. Eingeladen hatte das Rheingau Musik Festival, das Raum und Werk seit Jahren immer wieder zusammenbringt.

Freilich darf, ja soll man Bachs Œuvre bitteschön zuleibe rücken! Die Musik des Thomaskantors hält viel aus, auch BWV 988: Es gibt Bearbeitungen für großes Barockorchester, Gambenconsort, Orgel, Blechbläser, Harfe, ja sogar Saxophonquartett und Akkordeon. Selbst Dinnersteins Spiel auf dem Flügel ist ja nicht original, da Bach die „Goldberg-Variationen“ für das Cembalo schrieb.

Und gerade hier macht die Pianistin, die mit diesem Werk 2008 auch ihr Debüt in der New Yorker Carnegie-Hall bestritten hatte, einen veritablen Fehler: Dinnerstein spielt auf dem Konzertflügel, behandelt dessen Tastatur jedoch wie die weitaus flexiblere seines Vorläufers. Schnelle Sätze lösen sich dabei aus ihrer von Bach verfügten Verankerung in Melodie und Metrum, so dass die Musik wie in einer Zentrifuge auseinandergerissen wird.

Nein, es macht keinen Spaß, in einem Zug mit Schallgeschwindigkeit durch den Rheingau zu rasen, wenn man die Landschaft genießen möchte: Wo der Weg das Ziel sein soll, muss man ihn auch sehen, respektive hören dürfen. Zumal bei überhöhter Geschwindigkeit die Gefahr einer Entgleisung mit fatalen Folgen besteht, was das Publikum vor allem in Variation 8 denn auch mit angehaltenem Atem ertragen musste – auch wenn die Pianistin wieder „auf den Schienenstrang“ fand: Der Schreck blieb.

Natürlich drückte Dinnerstein nicht ständig auf die Tube: Die Aria spielte sie äußert getragen und man hatte fast den Eindruck, als spanne sie hier langsam einen Bogen, denn in Variation 1 schoss der Pfeil dann von dannen. Zarter Schmelz in Nummer 3, prickelnde Akzente in Nummer 5 – Dinnersteins „Goldberg-Variationen“ hatten zweifelsohne auch ihre schönen Momente. Nach Variation 8 aber überwogen in den schnellen Sätzen Aggressivität und Lautstärke, so dass der ständige Wechsel zwischen den agogischen Extremen irgendwann nur noch auf die Nerven ging.

Statt der von Bach angekündigten „Gemüths-Ergötzung“ bewirkte dieses Spiel eher dessen Überhitzung, womit es offenbar dem Charakter des Bach-Schülers und Namenspatrons Johann Gottlieb Goldberg nachspürte, dem das Programmheft „maßlos ambitionierte, verstiegene und verbohrte Meisterschaft“ attestierte. Zumindest mit der Anekdote, der Auftraggeber Graf Keyserlingk habe sich die „Goldberg-Variationen“ von ihm als Einschlafhilfe vorspielen lassen, dürfte Simone Dinnerstein nun endgültig aufgeräumt haben.

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