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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kunst der Fuge für Ohr und Auge

MAINZ (28. August 2013). Ob es das wohl zu Bachs Zeiten auch schon gegeben hat: Die Alten rümpfen die Nase über den für sie fremden Zeitvertreib der Jugend und die Jungen belächeln die in ihren Augen altbackene Kultur der Elterngeneration? Zumindest über die Musik des Thomaskantors konnte man kaum lästern, war sie doch seinerzeit oft mehr als modern.

Heute sieht es anders aus: Hört sich die Jugend ohne „Vorbelastung“ durch das Elternhaus eine Bach-Motette an? Wahrscheinlich genau so wenig wie die reifere Generation eine Breakdance-Vorführung in der Fußgängerzone goutieren wird. Vielleicht ja nur ein Vorurteil? Durch „Red Bull Flying Bach“, ein Projekt von Operndirigent Christoph Hagel und der Berliner Dance-Company „Flying Steps“, wird es zumindest widerlegt: Breakdance fusioniert mit Bachs Musik!

Dass gerade das Rheingau Musik Festival als Pfleger und Bewahrer der Klassik mit einer Einladung dieser multikulturellen Künstler den beherzten Blick über den Tellerrand wagt ist mehr als lobenswert: Es zeugt von Weitsicht und einem gelassenen pädagogischen Impetus, mit dem man mehr erreichen dürfte als der Hörzwang einer Bach-Fuge während der Musikstunde – die Phönixhalle als größter Veranstaltungsort des Festivals war ausverkauft und das Publikum erfrischend jung und bunt.

„Flying Bach“ lehrt das Publikum schlicht Hören und Sehen: Da lässt Mei Murano auf zarter Cembalo-Saite Fugen erklingen und Hagel spielt mit sanft-romantischem Anschlag auf dem Flügel Präludien, bevor Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ elektrisch pulsiert zum Kochen gebracht wird. Um das Aufeinandertreffen der Musik mit den Breakdancern vorzubereiten weht Tänzerin Anna Holmström weiß gewandet über die Bühne – aus Hamburg grüßt John Neumeier. Dann aber landen die sieben „Flying steps“: Mit Top Rocking, Footworks, Freezes und Powermoves setzen sie Bachs Notation elegant in anmutige Körpersprache um.

Ist Ballett die brave Tochter des Tanzes, so kommt Breakdance als sein enfant terrible daher. Gerade die Liaison mit Bach ist hier hochspannend, denn seine Fugentechnik wird visualisiert und damit fassbar: Wie ein Röntgenstrahl durchleuchtet die Choreografie die Theorie. Erzählt werden kleine Szenen, die sich um Liebe, Gewalt, Autorität und Widerstand drehen; wohl dosierter Slapstick macht die Show zusätzlich unterhaltsam.

Die kaum zu beschreibende Akrobatik der Tänzer ist atemberaubend und manifestiert sich tatsächlich als Spiegelbild der Bachschen Musik: Wenn der d-moll-Toccata ein Tanz entspricht, dann ist es Breakdance. Hierüber mag sich der Purist im Elfenbeinturm echauffieren – für den aufgeschlossenen Barocker erweitert die Show auf faszinierende Weise den kulturellen Horizont: Mit „Flying Bach“ verleihen die Tänzer Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ tatsächlich Flügel.

Ob nun der hehre Ansatz, nämlich Bach auf die Straße zu bringen und den Breakdance für den Konzertsaal salonfähig zu machen, aufgeht, ist dabei Nebensache. Gewiss wird sich die baseballbekappte Adoleszenz kaum umgehend die Matthäuspassion aufs Smartphone holen und genauso wenig wird ein konservatives Publikum nun lieber Breakdance als Ballett sehen wollen. Aber die bislang sorgsam verminte Grenze zwischen dem scheinbar Unvereinbaren hat „Flying Bach“ mit Lust niedergerissen. Und siehe da: Es ging ganz leicht!

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