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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Beflügelter Grenzgänger

KIEDRICH (13. August 2013). Als 2012 der barocke Jazzer Jacques Loussier sein Konzert im Rheingau Musik Festival krankheitsbedingt absagen musste, war die Enttäuschung groß, wurde jedoch vom eingesprungenen David Gazarov-Trio gemildert. In diesem Jahr stand der Franzose zwar nicht auf der Gästeliste, wurde aber von Rolf Lislevand dennoch gebührend vertreten.

Mit dem norwegischen Lautenisten trat begleitet vom Ensemble Stella Matutina ein geistesverwandter Grenzgänger auf, der mühelos zwischen den Stilen zu wandern vermag. Und so gab es in Kloster Eberbach eine frühitalienisch-barocke Jam-Session zu hören.

Man erlebt an diesem Abend Alte Musik, gewiss. Der jedoch haben die Künstler ein neues, swingendes Gewand angezogen. Und wie ihr das steht! Schon in der Sonata à 5 von Vincenzo Albrici (1631-1696) unterhalten sich die Streicher und Bläser mit Call-and-response, wobei die Naturposaune blitzsaubere Dirty notes spielt. „La Perra Mora“ von Pedro Guerrero (*~1520) beginnt mit einem Trommelsolo, das an „Sing, sing, sing“ erinnert, die Ciaccona von Allesandro Piccinini (1566-1638) ruft einem sofort Dave Brubecks „Take five“ ins Gedächtnis – und doch: Es ist und bleibt Alte Musik, auch wenn man an der Chitarra battente eher Django Reinhardt zu hören glaubt.

Zwei „Bands“ spielen im Ensemble Stella Matutina zusammen und gruppieren sich um Renaissancelaute, Barockgitarre und Theorbe: Geigen und Bratsche mit Violone und Cello sowie Truhenorgel (Mr. Hammond lässt grüßen) als barocker Part und die Bläser mit Bass und Percussion als swingendes Pendant. Das dreiköpfige Blech wechselt zwischen Posaune, Trompete und Horn, klingt edel und weich, spielt nicht sauber, sondern rein.

Immer wieder blitzt der Barock als „reine Lehre“ durch, wird jedoch rhythmisch gleichsam unter Strom gesetzt. Ist die „Aria di Passacaglia“ von Girolamo Frescobaldi (1583-1643) nicht der pure Son Cubano? Nicht nur wenn die Posaune in der „Aria di Firenze“ aus dem 16. Jahrhundert ein Solo anstimmt, das seinerzeit wohl die spanische Inquisition reaktiviert hätte, kommt es zum friedvollen „Clash of cultures“ und man tut sich fast schwer, nicht nach jeder solistischen Einlage zu applaudieren.

Bei allem Groove hat diese Jam-Session aber auch traumhaft ätherische Momente: In „La Spagna“ von Francesco da Milano (1497-1543) zaubert Lislevand Klänge, die an Lichtreflexe auf dem Wasser erinnern und die betörenden Modulationen in der „Toccata Arpeggiata“ von Johann Hieronymus Kapsberger (1580-1651) streicheln die Seele so sanft, dass man für einen Moment alles Böse und Schlechte auf dieser Welt vergessen kann.

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