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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Statt einer „Best of Bach”-CD...

KIEDRICH (29. August 2013). Es wurde wohl konstruiert, das Treffen von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, aufgeschrieben, auf der Bühne gespielt. Allein: Es fand nicht statt! Zu Lebzeiten sind sich die beiden barocken Größen nie begegnet. Die größte Authentizität die unausgesprochene Verabredung doch noch einzulösen besitzt dann eben nur ein Konzert, in dem beide Meister gespielt werden.

Zu einem der letzten Konzerte der zu Ende gehenden Sommersaison des Rheingau Musik Festivals gastierte in Kloster Eberbach The King’s Consort mit eigenem Chor unter seinem Leiter und Gründer Robert King und spielte zwei Juwelen barocker Vokalmusik: Händels „Dixit Dominus“ (HWV 232) und Bachs Magnificat (BWV 243). Die Meister der historischen Aufführungspraxis boten ihrem Publikum Perfektion mit Hang zur leichten Übertreibung, was den kolossalen Gesamteindruck des Abends jedoch kaum schmälern konnte.

Ob Bach seinem Kollegen Händel selbst den Vortritt gelassen hätte? In Kloster Eberbach begann das Konzert mit der Psalmvertonung „Dixit Dominus“: Glanzvolle Linienführung, deutliche Akzente, feine Durchhörbarkeit dank deutlicher Diktion und eine geschmackvolle Homogenität zwischen Chor und Orchester machten die Tuttisätze zum Erlebnis.

Dem standen die Solisten in nichts nach: Leisteten alle Stimmen hier grundsolides Handwerk stachen doch neben Tenor Benjamin Hulett und Bass David Wilson-Johnson der Sopran von Lorna Anderson und vor allem die betörende Altstimme von Marianne Beate Kielland angenehm hervor. Beide Organe sind von einer sanften Natürlichkeit, die die Schminke der vokalen Stilmittel nicht nötig hat.

Im „Dominus a dextris tuis“ ließ King Chor und Solisten im ausgedehnten Crescendo prachtvoll aufblühen und sorgte mit der anspruchsvollen Amen-Fuge im Schlusschor für wohliges Klangbad, in dem das Publikum auch in Bachs Magnificat weiter schwelgen durfte.

Welch ein Werk! Als hätte der große Bach jene unselige Entwicklung auf dem CD-Markt rund 280 Jahre später vorausgeahnt, in der „Best of“-CDs einen zumeist oberflächlichen Anriss großer Musik vortäuschen. Dabei ist Bachs Magnificat tatsächlich so ein „Best of“, zeigt das später nochmals bearbeitete zwölfsätzige Werk doch sozusagen in komprimierter Form Bachs gesamte Kunst: Strahlender, festlicher Tuttiglanz zu Beginn und am Ende sowie im „Fecit potentiam“ oder in der fünfstimmigen A-cappella-Chorfuge des „Sicut locutus est“, dazwischen wundervolle Arien mit delikater Obligatbegleitung.

Auch hier begeistert die gründliche Perfektion von Chor und Orchester, der Robert King durch zackiges, fast schon ein wenig mechanisch anmutendes Dirigat den letzten Schliff gibt. Dass der dann in einigen Momenten ein wenig zu scharf ausfällt, liegt in der Natur der Sache: Der Schlussakkord des grandiosen „Gloria“-Chores erklingt als schlichter Punkt, wo man eher ein nachklingendes Ausrufezeichen erwartet – nun denn, dann eben nicht.

Auch hier begeistern die Solisten: Hulett mit der kraftvollen Arie „Deposuit potentes“, Wilson-Johnson mit sattem „Quia fecit“ und die Damen mit der betörenden Klangschönheit: Das „Et exultavit“ des Alt und das „Quia respexit“ des Sopran werden dabei noch getoppt vom anrührenden Duett „Et misericordia“, das Kielland und Hulett expressiv und doch verhalten intonieren.

In das Magnificat hatte Robert King noch Choralbearbeitungen, Chorsätze und ein Duett zwischen Bass und Sopran hineinmontiert, so dass das Publikum für einen Moment „Erkennen Sie die Melodie?“ spielen durfte. Gleichviel: Auf der Zielgeraden feierte das Rheingau Musik Festival noch einmal ein rauschendes barockes Fest, für das man mit The King’s Consort, feinen Solisten und einem packend musizierenden Chor einmal mehr faszinierende Gäste eingeladen hatte.

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