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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schlichtweg Bach pur

WIESBADEN (18. Dezember 2013). Kurz vor Ende der Pause wird der Reporter von einem erzürnten Ehepaar gestoppt: „Sind Sie heute der Kritiker? Wir gehen jetzt nämlich. Und andere auch.“ Der Dirigent sei viel zu hektisch, Chor und Orchester nicht zusammen. Unmöglich so was. Verwundert sucht man wieder das Gestühl auf, hatte man doch bisher einen ganz anderen Höreindruck. Und der scheint sich mit dem der meisten Zuhörer im ausverkauften Kurhaus zu decken, denn allzu viele sind wohl doch nicht gegangen.

Die Enttäuschten mögen eine freie Stunde gewonnen haben, doch ihnen entging ein in sich schlüssiges, stringent aufgeführtes Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, für dessen Kantaten I-III und VI das Rheingau Musik Festival einen seiner Stammkünstler eingeladen hatte: den Windsbacher Knabenchor unter der Leitung von Martin Lehmann. Im vergangenen Jahr präsentierte sich der „Neue“ dem Wiesbadener Publikum bereits mit einem A cappella-Programm, jetzt also das gelungene oratorische Debüt.

Lehmann mag es flott! Sein Vorgänger Karl-Friedrich Beringer meinte zum Amtswechsel, der Nachfolger bekomme „einen Ferrari hingestellt“. Diesen Boliden beherrscht Lehmann mittlerweile mit energisch-akrobatischem Dirigat, das seine Sänger fest in der Spur hält. Und die folgen ihm auch in höchsten Tempi mit faszinierend reiner Intonation und punktgenauer Absprache. Daran hat sich nichts geändert. In zwei Zugaben zeigen die Windsbacher, dass sie auch weiterhin die Champions-League der Knabenensembles anführen.

Festlich kommen die Chöre daher, im Gegensatz dazu nutzt Lehmann die Choräle für wunderbare Ruhepausen, setzt mit jeder Zeile, jedem Schlüsselwort kleine, feine dynamische Akzente: Da staunen die Sänger über das Kind in der Krippe, wiegen es sanft in den Schlaf, lassen die Sonne aufgehen und meditieren über den Liebesbeweis Gottes. Ebenso intim lässt Lehmann von den Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin die Sinfonia am Beginn der zweiten Kantate musizieren. Trotz der agogischen Mutprobe harmonieren Chor und Orchester verlässlich – wer anderes hört, sucht akribisch das mehrfach gespaltene Haar in einer delikaten Consommé.

Von herausragenden Instrumental- werden die Gesangssolisten des Abends begleitet, bei denen Lehmann vor allem mit Altistin Rebecca Martin eine gute Wahl traf: Ihr warmer, schlanker Alt verzichtet wohltuend auf jedweden Affekt und singt schlichtweg Bach pur. Als ebenfalls klangschön, aber leider kaum textverständlich erweist sich Hana Blažiková; Rudolf Rosen gibt einen kraftvoll-voluminösen Bass und Benjamin Bruns obliegt mit der Evangelistenrolle sowie den Arien die tenorale Herkulesaufgabe des Abends, die er als objektiver Erzähler, aber nicht ohne Empathie meistert. Einzig zum Schluss hin fehlt ihm in der Höhe zuweilen ein wenig der Atem. Aber deswegen hätte man in der Pause nicht zu gehen brauchen…

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