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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Neuer Ton in der Alten Musik

KIEDRICH (25. Juli 2017). Es gibt Werke, die ziehen ihr Publikum sicher an. Bachs Matthäuspassion beispielsweise – wohlgemerkt: Die Rede ist von Johann Sebastian, nicht von dessen Sohn Carl Philipp Emanuel. Der konnte sich oratorisch erst spät vom Vater lösen, tat das dann jedoch in gänzlich neuem Stil.

Dass diese Stücke dennoch höchstens zu runden Geburtstagen zur Aufführung gelangen, liegt wohl daran, dass sie stilistisch zu sehr ihrer Zeit verhaftet sind. Umso schöner, wenn man im Jahr 2014 C.P.E.s 300. Wiegenfest feiern und beispielsweise das Oratorium „Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu“ hören darf.

Nicht nur das Rheingau Musik Festival, das in Kloster Eberbach die Rheinische Kantorei und das Kleine Konzert unter der Leitung von Hermann Max begrüßte, ehrt den Bach-Sohn. Hier aber erlebte das Publikum eine beispielhafte Aufführung, die die eigenartig sperrige Musik entkrampft und munter den Staub von der Partitur bläst.

Zuvor jedoch ein Stück aus Vaters Œuvre: „Jauchzet Gott in allen Landen“ (BWV 51) – eine Jubelkantate für Sopran, in der Veronika Winter auf den Topos, dem sich der Sohn in seiner Kirchenmusik widmet, strahlend hinweist.

C.P.E.s Oratorium hat indes nichts mehr mit der Musik des Vaters zu tun, sondern orientiert sich am Kunstbegriff seiner Zeit, nach der man eher im lyrischen Drama als in der bekannten Passionsform komponieren soll. Der Filius tut genau dies und verzichtet auf den Evangelisten und dessen wortgetreue Wiedergabe des Bibeltexts, Choräle und die subjektive Arie; stattdessen erzählt er die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu mit den Worten des Dichters Karl Wilhelm Ramler, die sich allenfalls an der Heiligen Schrift orientieren.

Hermann Max brach in seinem Einführungsvortrag eine Lanze für gerade dieses Werk, das er gut kennt, hat er es doch mit der Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert vor 20 Jahren aufgenommen. Der Dirigent studierte nicht nur Kirchenmusik und Musikwissenschaft, sondern auch Kunstgeschichte und Archäologie. Das merkt man, wenn Max sich auf weniger bekanntes Gebiet begibt, um musikalische Schätze zu heben.

„Auferstehung und Himmelfahrt“ gelingt ihm an diesem Abend ergreifend, obgleich C.P.E. hier so manches ausprobiert – allein in den ausladenden Schlusschor hat der Komponist derart viele Ideen verpackt, dass man ihm zurufen möchte, es sei genug. Ansonsten erlebt man in Kloster Eberbach jedoch ein vokales Drama, das mit spannenden Szenen überzeugt.

Was natürlich auch an den Interpreten liegt: Die rheinische Kantorei und das Kleine Konzert nehmen das Publikum an die Hand und führen es mit festem Griff durch die Handlung, die von den beiden Solisten – Markus Schäfer (Tenor) und Matthias Vieweg (Bass) – überzeugend erzählt wird. Dirigent Max verzichtet dabei auf allzu große Gesten, lässt vielmehr die Musik sprechen. Und das funktioniert, kraftvoll und modern wie hochvirtuos – Hannes Rux und seine Bläser auf Naturtrompeten und -hörnern seien als primi inter pares genannt.

Die Solisten meistern dabei eine große Herausforderung: Ihnen obliegt nicht nur die Wiedergabe des „Evangeliums“, sondern sie haben neben den Arien in den Rezitativen auch die Sätze aus den Mündern der Handelnden zu interpretieren – Maria, der Engel am Grabe, Jesus, die Jünger auf dem Weg nach Emmaus, der zweifelnde Thomas. Der Rollenwechsel gelingt indes überzeugend, so dass man sich schnell in das doch fremde Werk hineinhört. Mit Verve musiziert auch der Chor, der vor allem mehrfach Triumph-Gesänge anzustimmen hat.

Und dann bemerkt man doch noch eine schöne Parallele zum Werk des Vaters, die C.P.E. bei den Worten Jesu anwendet: Auch er unterlegt die Sätze des Heilands mit Streichern, was den Äußerungen einen warmen Schein gibt. Das aber ist auch die einzige Retrospektive – ansonsten ahnt man stilistisch bereits Joseph Haydns „Schöpfung“.

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