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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Feengleicher Saitenklang

WIESBADEN (24. August 2014). Ein Jubiläum wie der 150. Geburtstag von Richard Strauss ist für das Rheingau Musik Festival willkommener Anlass, das Werk des Komponisten unter die Lupe zu nehmen. Und wie es bei der Betrachtung unter dem Vergrößerungsglas nun mal ist, sind hier die kleinen Details besonders interessant.

Denn natürlich fehlen auch die großen Werke nicht: Am 5. September wird Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin Strauss‘ Opus 40 „Ein Heldenleben“ dirigieren und vor ein paar Tagen konnte man im Kurhaus bereits Partien aus dem „Rosenkavalier“ sowie in Kloster Eberbach die Tondichtung „Macbeth“ hören. Doch mit dem Gastspiel von Diana Damrau (Sopran) und Xavier de Maistre (Harfe) war es eher das kleine Werk, was Größe bewies. Dabei ist jenes Schattendasein, das das Liedschaffen von Richard Strauss fristet, eine unberechtigte Verbannung: Die Künstler des Abends holten es glanzvoll ins Licht zurück, wofür der Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses buchstäblich eine glänzende Kulisse bot.

Die Harfe ist dabei weit mehr als eine pittoreske Liedbegleiterin: Die Virtuosität, mit der de Maistre „Le Rossignol“ S 250 Nr. 1 von Franz Liszt nach einer Melodie von Aleksandr Alyabyev spielt, bildet auch den instrumentalen Unterbau des Gesangs. Im von der berühmten französischen Harfenistin Henriette Renié arrangierten Stück fliegt de Maistre über die Saiten: Da stürzen Klangkaskaden sinfonisch herab und fein flirren die Töne wie Staub im Sonnenlicht. Der Ton ist schwerelos, aber nicht ohne Gewicht.

Und so kann sich de Maistre dem Gesang Damraus anpassen, ohne sich ihm unterzuordnen: Hier hört man mit gespitzten Ohren zu, denn man betritt kein bekanntes Terrain, wo einen der Leierkastenmann aus Schuberts „Winterreise“ erwartet. Die Gesänge, die Strauss vor allem für seine Frau Pauline de Ahna schrieb, erzählen nicht nur von der Liebe, sie sind ein klingender Beweis dafür. „Was Seelen zart verbündet, / und Geisterbrücken gründet, / sei unser Losungsort“, heißt es in einem Text Karl Friedrich Henckells – Damrau nimmt den Zuhörer hier sachte bei der Hand und lässt ihn tief in das gedichtete Wort hineinsehen.

Mit faszinierender Präsenz, köstlichem Timbre und prickelnd dosierter Dynamik erschafft sie Lied für Lied eine kleine Welt, die de Maistre mit seinem Harfenspiel golden illuminiert. Der Dichter Adolf Friedrich von Schack schreibt in seinem Ständchen von Bewegungen „wie Tritte der Elfen so sacht, / um über die Blumen zu hüpfen“ – Stimme und Instrument verschmelzen, hier wird die besungene Mondscheinnacht mit den Blüten am rieselnden Bach zum Ereignis.

Gleiches gilt für das zweite Harfensolo: De Maistre spielt Bedřich Smetanas „Moldau“ in einem Arrangement von Hans Trnecek. Statt der ausladenden Größe des Originals richtet der Künstler den Blick meisterhaft auf das Detail: die murmelnde Quelle, die glitzernde Wasseroberfläche, den anschwellenden Strom – auch hier ein Blick durch die Linse, um statt des ganzen Flusses gleichsam den einzelnen Tropfen zu bewundern. Und woraus sonst besteht die große Moldau?

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