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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kraftvoll und doch samtig weich

OESTRICH (23. Juli 2014). Blechbläserensemble? Da denkt man sofort an sämtliche Register von der Tuba bis zur Bachtrompete, mächtigen Posaunenklang und ja: auch an das eine oder andere Horn. Egal, was gespielt wird, ob Renaissance-Tanz, ein Beatles-Arrangement oder die Bearbeitung einer Bach-Fuge – es tönt eigentlich immer prachtvoll.

Doch klappt das auch, wenn man für eine Besetzung vier gleiche Instrumente auswählt? Das Ensemble german hornsound – Christoph Eß, Sebastian Schorr, Stephan Schottstädt und Timo Steininger – hat genau das getan. Gewiss: eine „Orgel“ hört man jetzt nicht mehr. Aber sozusagen ein Brillieren auf dem Cembalo. Denn dadurch, dass sich die vier Hornisten auf ein Instrument „beschränken“, können sie dessen Klangeigenschaften natürlich umso tiefer ausloten – und das viel intensiver als im klassischen Blechbläserensemble oder im Sinfonieorchester.

Zu viert glänzt das güldene Blech besonders und in der schönen Pfarrkirche St. Martin in Oestrich können sich german hornsound und das Rheingau Musik Festival über ein volles Haus und damit großes Interesse an diesem Klang freuen. Von Barock bis weit in die Romantik hinein reicht das Repertoire des Abends. Und der hält klangvolle Überraschungen und wundervolle Momente parat.

Los geht es mit Auszügen aus Georg Friedrichs Händels „Wassermusik“, sozusagen zum Einstieg: Im Original sind die Hörner mitunter die tragenden Instrumente. Nach der feudalen Ouvertüre und vier Tänzen schreitet man weiter zu Johann Sebastian Bach: Der Choral „Jesu bleibet meine Freude“ aus der Kantate 147 („Herz und Mund und Tat und Leben“), dieses musikalische Perpetuum mobile, gelingt grandios verhalten, wenn auch ein wenig rasch; wunderbar getragen klingt der Cantus firmus als Pendant zum Komplementär-Rhythmus der Unterstimmen.

Ach, das Horn! Dieser sanfte, samtig-weiche Klang, der nicht strahlt, sondern leuchtet, dessen Schmelz so eindringlich intim und doch kraftvoll wirkt – er gehört dem Instrument der Romantik. Kein Wunder, dass vor allem die Auszüge aus Felix Mendelssohns „Sommernachtstraum“ – der Marsch der Handwerker, das (auch im Original für Hörner gesetzte) Nocturno, der Elfentanz und natürlich der Hochzeitsmarsch – passgenau arrangiert sind. Und natürlich Bruckner: Nicht nur in drei Chorälen, sondern vor allem im Scherzo der vierten Sinfonie, die ohne Hörner undenkbar wäre, begeistern die vier Musiker mit gestochen scharfer Homogenität.

german hornsound vermag es, sich in jedes Stück hinein zu versenken und zieht den Hörer gleichsam mit. Im Adagio aus dem Oboenkonzert d-moll von Alessandro Marcello verwandeln die vier jungen Künstler ihr Blech akustisch in Holz und die Linie des Soloinstruments wird mit transparenter Anmut hervorgehoben. Auch Antonio Vivaldis Largo aus dem „Winter“ der „Vier Jahreszeiten“ und vor allem das „Ave verum corpus“ von Wolfgang Amadeus Mozart eröffnen dem Publikum den wunderbaren Klangkosmos des Horns, dessen Schönheit hier gleich mal vier genommen wird.

Nach Guiseppe Verdis „Lacrimosa“ aus der „Messa da Requiem“ sowie Vorspiel und „Ave Maria“ aus „Otello“ kommt in der Zugabe noch Richard Wagner hinzu – beiden hatte german hornsound (unter anderem in Zusammenarbeit mit dem 2013 verstorbenen Herbert Rosendorfer, dem Autor der „Briefe in die chinesische Vergangenheit“) im vergangenen Jahr zu den 200. Geburtstagen der Komponisten ein eigenes Opernprojekt gewidmet und als Debüt-CD aufgenommen.

Gerade mit dem „Pilgerchor“ aus Wagners „Tannhäuser“ erzeugen Christoph Eß, Sebastian Schorr, Stephan Schottstädt und Timo Steininger noch einmal ein wohliges Gänsehautgefühl, das noch lange nachwirkt: Die feierlichen Modulationen wirken mit vier Hörnern noch viel intensiver als im orchesterbegleiteten Chorgesang.

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