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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Welch ein Klang!

EIBINGEN (3. Juli 2014). Endlich Ruhe! An diesem Tag konnte man der die Nachrichten beherrschenden Meldung, ein namentlich bekannter Abgeordneter des Deutschen Bundestages habe eine bestimmte Droge erworben, kaum entgehen. Dabei gibt es doch viel bessere, gesündere und legalere Methoden, sich in einen Rauschzustand zu versetzen. Das Rheingau Musik Festival zeigt, wie – auch ohne Riesling.

Eibingen, Abteikirche St. Hildegard, kurz nach 20 Uhr: Letzte Gäste huschen zu ihren Stühlen, eine Vertreterin des Festivals begrüßt und dann betreten die vier Sänger der New York Polyphony den Altarraum: Geoffrey Williams (Countertenor), Steven Caldicott Wilson (Tenor), Christopher Dylan Herbert (Bariton) und Craig Phillips (Bass). Auf dem Programm des Abends stehen Werke der Renaissance, von William Byrd, Walter Lambe, John Plummer und Thomas Tallis sowie von zeitgenössischen Komponisten: Richard Rodney Bennett, Gabriel Jackson, Ivan Moody und Andrew Smith.

800 Jahre englischer Chormusik also, dargebracht von einem der weltbesten Vokalensembles. Aus dem Namen New York Polyphony hört man zunächst nicht unbedingt Wohlklang: Da ist „Big Apple“, jene „city, that never sleeps“, womit man doch eher Hektik und Trubel, Lautstärke und Verkehr, Sex & Crime verbindet. Aber nicht diese Töne!

Denn der Gesang von New York Polyphony ist einzigartig: Kristallklar, homogen bis ins Letzte, blitzsauber werden da die Intervalle ausgesungen. Und dennoch hört man hier nicht vier individuelle Stimmen, sondern einen einzigen lebendigen Organismus. Elegant ist die Stimmführung, nobel – aber eben auch ungekünstelt und kraftvoll. Mit packender Dynamik spreizt sich der Ton des Quartetts zum vielstimmigen Chor auf und potenziert die Polyphonie vollkommen schwerelos. Im Mittelpunkt steht bei New York Polyphony nicht die Stimme, sondern der Klang und die Musik, deren Text man durch den Klang vorstellt und damit gleichzeitig auslegt.

Das Programm des Abends bewegt sich durch die katholische Liturgie vom Kyrie bis zum Agnus Dei: Die Geschichte der englischen Kirchenmusik ist eine bewegte, die Tradition jedoch hat Bestand. Dazwischen erklingen freie Dichtungen – wie das „Flos regalis“, das vom 1970 geborenen Andrew Smith als sich ständig veränderndes Kaleidoskop vertont wurde und anschließend aus den um 1300 entstandenen „Worcester Fragments“ melismenreich dahinströmt. Gerade die Zeitgenossen spiegeln sich bewusst in der Alten Musik: Smith, Jackson und Moody entstammen der Schule John Taveners und pflegen seinen reduzierten, aufs Wesentliche konzentrierten Stil.

An diesem Abend malt New York Polyphony ein Bild von betörender Schönheit und fast möchte man meinen, jeder Sänger stehe für eine bestimmte Farbe: Klingt der Countertenor nicht nach einem leuchtenden Maisgelb, der Tenor nach einem kräftigen Zinnoberrot, der Bariton nach einem satten Grasgrün und der Bass nach einem Königsblau? Keiner profiliert sich hier auf Kosten des anderen – stets hat man einzig das gesamte Bild im Blick. Und das bekommt der Zuhörer zum Glück lange nicht mehr aus dem Kopf.

Informationen zu weiteren Konzerten und Kartenverkauf finden sich unter http://www.rheingau-musik-festival.de.

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