Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Musik

Honorige Gäste im altehrwürdigen Gemäuer

KIEDRICH (15. Jul 2015). Das Rheingau Musik Festival ist nicht nur für seine exquisite Künstlerauswahl bekannt, sondern auch für seine stilistische Bandbreite. Und so kommen auch die Freunde der Vokalmusik mehr als einmal auf ihre Kosten: Jüngst war mit dem Leipziger Thomanerchor einer der führenden deutschen Knabenchöre zu Gast, im Dezember werden die Windsbacher im Kurhaus singen – jetzt debütierte mit dem King’s College Choir Cambridge eines der besten Ensembles der englischen Chorkultur in Kloster Eberbach.

Knabenchöre sind hierzulande immer etwas Besonderes – wie die Lutherkirche beim Thomanerkonzert so ist auch die Basilika restlos ausverkauft. Als die Jungs des Chores in ihren Talaren das Podest erklimmen, brandet Applaus auf. Das werden sie gewohnt sein – und sich vielleicht doch etwas über die Begeisterung wundern: In Großbritannien gehören Ensembles wie der 1441 gegründete King’s College Choir schlicht zum kirchenmusikalischen Leben dazu. Und genauso selbstverständlich intonieren die 33 Knaben- und Männerstimmen unter der Leitung von Stephen Cleobury im ersten Teil Werke aus dem 16. sowie 17. Jahrhundert, um nach der Pause ins 20. Jahrhundert, zu Benjamin Britten, Jonathan Harvey, Herbert Howells und Ralph Vaughan Williams zu springen.

Der King’s College Choir ist in allen Epochen zuhause. Und er vermag es, der Alten Musik eines William Byrd oder Christopher Tye glühend Leben einzuhauchen. Wunderbar fließen die Melodien in den Lobpsalmen: „Omnes gentes, plaudite manibus“ jubeln die Stimmen bei Tye und staunen in „See, see the Word ist incarnate“ von Orlando Gibbons. Hier agieren Vorsänger und Tutti und man bewundert die solistischen Talente, die da blitzsauber intonieren. Im Gesamtklang tritt dann jeder wieder zurück, keine Stimme ist herauszuhören – die Homogenität ist beachtlich.

Dabei gründet sie nicht in einer unbedingten stimmlichen Ausgewogenheit, sondern in der Passgenauigkeit im Gesamtklang. Wie aus einem Guss klingen die Akkorde. Dirigent Cleobury vermeidet im ersten Teil weitestgehend das Spiel mit Dynamik und Agogik – aus gutem Grund, denn eindimensional ist der Klang nie: Seine Wirkung, ja fast schon eine eigene Plastizität erhält er durch das wunderbare Miteinander der Knaben- und Männerstimmen. In „Salve Regina“ von Robert Hacomplayant, dem ältesten Komponisten des Abends, wird diese Harmonie geradezu greifbar: Ausläufer der Gregorianik münden hier in grandiose Polyphonie – diese Musik braucht keine Effekte, sie ist der Effekt.

Den einzigen Wermutstropfen des Abends schenkt sich das Publikum selbst ein: Man klatscht nach jedem Stück. Schade, denn der konzertante Gottesdienst, der ein Konzert des King’s College Choir schon allein durch die Werkauswahl sein will, wird zerteilt, die meditative Stimmung der Begeisterungsgeste geopfert. Doch irgendwann hat man sich nolens volens daran gewöhnt, auch wenn man vom Rheingauer Publikum eigentlich eher noble Zurückhaltung gewohnt ist.

Gleichviel: Öffnete der Chor schon im ersten Teil die Schatzkammer seines Repertoires selten (und zumal in dieser Qualität) zu hörender englischer Kirchenmusik, so ist der zweite Teil eine Offenbarung, der Anspruch an die jungen Sänger ungleich höher. Ergreifend ist der Quartettgesang in Vaughan Williams „Credo“ aus der g-moll-Messe, die Piano-Kultur an der „Crucifixus“-Stelle geradezu berauschend. Nicht nur hier sollte man sich respektvoll in Erinnerung rufen, dass es Kinder und junge Erwachsene sind, die derart packend Musik machen!

Überirdisch schön erklingt „A Hymn to the Virgin“ von Britten und faszinierend sphärisch dicht der Grabgesang „Take him, earth, for cherishing“ von Howells. Im vorletzten Stück, „Veni creator“ von Harvey zieht der King’s College Choir nochmals alle Register: Gregorianik erklingt über babylonischem Cluster-Gewirr, glissandierende Akkorde stürzen herab und über allem erhebt sich der Sopran im Diskant – diese Vokalkunst kann ihresgleichen lange suchen.

Im ersten Konzertteil wurden die Chorwerke durch Orgelmusik ergänzt: Tom Etheridge spielte „Gloria tibi Trinitas“ von Byrd und Richard Gowers die C-Dur-Fantasia Nr. 10 von Gibbons – eine schöne und passende Einrahmung.

zurück