Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Musik

„S(w)inget dem Herrn ein neues Lied“

WIESBADEN (13. Juli 2016). Wer für das Konzert von „Voces8“ in Mainz noch kurzfristig eine Karte erwerben wollte, hatte Pech. Als „Alternativveranstaltung“ empfahl das Rheingau Musik Festival einen Tag später die diesjährige „Romantische Chornacht“ in Wiesbaden: In der Lutherkirche sang das Ensemble Vocal de Lausanne unter der Leitung von Daniel Reuss Motetten von Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms und Max Reger.

Wer heute mit einer eigenen, neuen und anderen Interpretation für Furore sorgen möchte, der muss sich schon etwas einfallen lassen: ein wirklich rasantes Tempo, originelle agogische Wendungen, so was eben. Wer das wagt, sollte natürlich das richtige Maß kennen, damit die Interpretation nichts Manieriertes bekommt. Daniel Reuss weiß das und er handelt klug, wenn er „seinen“ Bach eher schlicht gestaltet. Natürlich weiß man einen fruchtigen Riesling zu schätzen – doch einer übertriebenen Aromenbombe zieht man ein Glas frisches Quellwasser doch allemal vor.

Und genau so schmeckt respektive klingt dieser Bach „made in Switzerland“: ausgewogen, transparent, die einzelnen Register auch in sich äußerst homogen. „Komm, Jesu komm“ (BWV 229) malt mit wenigen Strichen die Ermattung der Seele auf ihrem „sauren Weg“ nach und erfrischt im Anschluss mit der Erkenntnis des „rechten Weges“ – die Wahrheit des Glaubens wird in einem dynamisch aufgezogenen Crescendo unterstrichen.

Purer Hörgenuss ist auch „Singet dem Herrn“ (BWV 225). Oder muss es hier nicht eher „Swinget“ heißen? Der Esprit, den die Sängerinnen und Sänger mit ihrer Interpretation ausstrahlen, ist auch in viele Gesichter des Chores geschrieben. Das inspiriert zur spontanen Deutung: Hört man hier nicht (wenn auch harmonisch gesetzt) das babylonische Stimmengewirr? Der Choral im Mittelteil wird dicht ausgesungen, die Schlussfuge hat wieder einen coolen Groove. Man muss in dieser Motette gar nicht viel „machen“, um viel zu erreichen.

Der Motette „Jesu, meine Freude“ (BWV 227) merkt man ihre knapp 21 Minuten Länge kaum an: Der Chor singt äußerst akzentuiert, die Koloraturen sind fein gestochen; es sind die kleinen, feinen Details, die auffallen: „Trotz dem alten Drachen“ – das „Brummen“ in der letzten Zeile dieser Strophe nimmt der Bass mit einem sonoren Orgelton vorweg und in der anschließenden Fuge ist man angeregt, zwischen den einzelnen Registern hin- und herzuspringen, um das dicht gesungene Thema immer wieder aufs Neue zu verfolgen. Mit „Weg mit allen Schätzen“ erhebt sich der Sopran im Diskant über das Gewimmel der schnöden Welt, der schließlich „Gute Nacht“ gesagt wird.

Wenn man es genau nimmt, hatte das Ensemble Vocal de Lausanne mit seinem barocken Entree natürlich am Thema der „Romantischen Chornacht“ vorbeigesungen. Deshalb gab es im zweiten Teil des (nur durch einen Ab- und personell leicht verstärkten Auftritt des jetzt nicht mehr continuo-begleiteten Chores unterbrochenen) Konzerts denn doch noch Romantik satt.

Textverständlichkeit ist bei Brahms‘ „Fest und Gedenksprüchen“ op. 109 natürlich das A und O – der Schweizer Chor ließ auch hier keine Wünsche offen und setzte seine Akzente wiederum hermeneutisch: So klang beispielsweise der Vers „Das wird wüste“ in „Wenn ein starker Gewappneter“ hier durchaus bedrohlich, so dass der moralische Impetus der Poeme deutlich wurde. Solide im Klang und perfekt durchhörbar geriet auch die Fuge in „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“.

Ein klitzekleiner Wermutstropfen war eine Abweichung vom gedruckten Programm: Gerade im Regerjahr – 2016 gedenkt die Musikwelt seines 100. Todestags – hätte man sich über das eher selten zu hörende „Abendlied“ aus Opus 39 gefreut, doch Reuss ließ dann neben der Motette „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“ doch lieber das bekanntere „Nachtlied“ aus Opus 138 singen. Die Interpretation der Regerwerke machte indes Lust, mehr seiner Kompositionen von diesem Chor gesungen zu hören: Die in sich greifenden Modulationen spiegelten die Stimmen in feinen Dynamikschattierungen wider.

Den Schluss bildete schließlich Rheinberges „Abendlied“. So einfach dieses Werk gesetzt ist, so viel Freude bereitet es doch immer wieder, die lang gezogenen Bögen so lupenrein ausgesungen zu hören. Mit diesem letzten Cantus – eine Zugabe sparten sich die Schweizer leider – knüpfte man thematisch elegant an den Anfang und Bachs Choral in BWV 229 an, wo es ja heißt: „Drum schließ ich mich in Deine Hände und sage, Welt, zu gute Nacht!“

zurück