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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Unterwegs in Bachs Kosmos

FLÖRSHEIM (29. Juli 2016). Hätte die Polizei am vergangenen Freitag an den Ortsausfahrten von Flörsheim Autos gestoppt und den Fahrern tief in die Augen geschaut – sie hätten vielleicht den Konsum von bewusstheitsverändernden Substanzen vermutet. Zumindest bei den Besuchern des Konzerts der Geigerin Isabelle Faust, die als „Artist in Residence“ des Rheingau Musik Festivals in der katholischen Kirche St. Gallus spielte, dürften die Pupillen etwas geweitet gewesen sein, denn das Auditorium erlebte tatsächlich einen klanglich-kollektiven Rausch, der es für die Zeit des Auftritts in eine andere Welt versetzte.

Auf dem Programm stand Bach – und zwar in beachtlicher Dosis: Faust musizierte alle Partiten und Sonaten für Solovioline an einem Abend. Wem man zuvor davon erzählt hatte, hob beeindruckt die Augenbrauen: Dieses Programm bedeutet einen äußerst hohen Anspruch – an die Künstlerin sowieso, doch auch dem Zuhörer wurde eine musikalische Konzentration abverlangt, wie sie in dieser Intensität wohl nur selten eingefordert wird. Nebenbei: Das Konzert war ausverlauft.

Dass Isabelle Faust eine brillante Geigerin ist, muss kaum eigens erwähnt werden: Ihr Ton hat Brillanz, ist mal voluminös und kraftvoll, aber dann eben auch wieder fein und zerbrechlich, ihr Spiel ist energiegeladen und ausdrucksstark, aber eben auch nachdenklich und betrachtend. Gerade bei Bach – Faust wird im Festivalverlauf auch noch Werke von György Kurtág und Robert Schumann spielen – scheint sie in ihrem Element. Ihr Vortrag gleicht zuweilen einer Rede; wie in einem Oratorium von Bach: erzählende Rezitative und betrachtende, besinnliche Arien – „Klänge für den Weltraum“ überschrieb die „Zeit“ vor einigen Jahren ein Portrait der Künstlerin und nahm darin besonderen Bezug auf Fausts Bach-Interpretation.

Auch an diesem Abend bereist das Publikum einen ganz eigenen Kosmos. Indem Faust sich nicht für einzelne Solostücke, sondern für BWV 1001 bis 1006 entschieden hat, kann sie Bach bis in den letzten Winkel ausloten. In den schnellen Sätzen gelingen ihre wilde Jagden, deren Präzision schwindelerregend ist. Soll, ja kann man auf einzelne Partien eingehen? Es ist eher das Gesamtbild, das einen mit Verve in den Bann schlägt: ein Panoptikum, ein haushohes 360-Grad-Gemälde, so viel gibt es zu sehen, zu entdecken. Vielleicht ist es genau das: Zuweilen tastet sich Faust vor als betrete sie Neuland – derart an die Hand genommen erblickt der Zuhörer plötzlich zuvor Unbeachtetes und bekommt ein geradezu sinnliches Vergnügen geschenkt.

Obgleich im Mittelpunkt des Interesses stehend tritt die Künstlerin bewusst aus dem Rampenlicht, lässt einzig die Musik das Kirchenschiff füllen. Und dabei entstehen Momente, in denen Raum und Zeit zu vernachlässigbaren Koordinaten werden. Die Reihenfolge – g-moll-Sonate, h-moll-Partita und a-moll-Sonate sowie nach der Pause E-Dur-Partita, C-Dur-Sonate und d-moll-Partita – setzt die berühmte Chaconne effektvoll an das Ende des Konzerts. Was Isabelle Faust hier erschafft, ist faszinierend – und (leider buchstäblich) unbeschreiblich schön. Wollten einige bereits nach dem Satz zuvor begeistert klatschen, herrscht nun atemlose Stille, bevor einen die applaudierend aufspringenden Zuhörer wieder ins Hier und Jetzt katapultieren – was für eine Reise durch Bachs Klangwelt!

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