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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Frühbarocker Farbenrausch

KIEDRICH (25. und 26. August 2016). Die beiden Konzerte von Chor und Orchester des King’s Consort in Kloster Eberbach nahmen sich wie kleine Binnen-Festspiele innerhalb des Rheingau Musik Festivals aus: An zwei aufeinanderfolgenden Abenden konnte man unter der Leitung von Robert King Claudio Monteverdis „Marienvesper“ und ein „Venezianisches Musikfest“ mit weiteren Werken des Frühbarock erleben.

Schon nach dem ersten Konzert feierte das Publikum seine Künstler stürmisch. Dabei wurde es gerade Zeuge einer kleinen Revolution, denn zehn Jahre vor Drucklegung der „Vespro della Beata Vergine“ im Jahr 1610 war Giovanni Maria Artusi, Priester in Bologna, scharf mit Monteverdi ins Gericht gegangen und monierte (ohne ihn freilich namentlich zu nennen) den freien Geist, in dem der Komponist seine Madrigale schrieb: Sie seien „rau und dem Ohr wenig gefällig“. Gemeint waren Verstöße gegen die Regeln des Kontrapunkts und überraschend erklingende Dissonanzen.

Vielleicht hätte ja Robert King, ein wahrer Meister in der frischen Interpretation Alter Musik, diesen Kritiker überzeugen können? So wie sich der Brite seinen Konzertanzug überstreift, schlüpft er nämlich auch in die musikalische Gedankenwelt der Tonsetzer, denen er sich widmet. Sein authentisches Musizieren ist dabei gänzlich frei von Eitelkeit, was sich schon rein optisch darin äußert, dass King in den Solopartien beiseitetritt und die Sänger mit den Instrumentalisten frei arbeiten lässt.

Das King’s Consort – Orchester und Chor – besteht aus Musikern, die ebenso beseelt sind wie ihr Dirigent, der sie mit beeindruckend kantigem Schlag durch großartige Klangarchitekturen führt. Dabei werden scheinbar unvereinbare Widersprüche höchst elegant gelöst: Trotz größtmöglicher Klangdichte und Volumen sind die Chöre wunderbar durchhörbar und Modulationen geraten gestochen scharf, ohne je den Melodiefluss zu unterbrechen.

Die Besetzungen wechseln und alle Solisten sind jeder auf seine eigene Weise schlicht brillant zu nennen. Der dadurch changierende Klang erinnert an einen Edelstein, der das Licht stets ein wenig anders bricht und somit ein großartiges Farbenspiel zaubert. Verstärk wird das durch die Nutzung des gesamten Kirchenraums ganz nach Art der „cori spezzati“. Homogenität, Intonation und Transparenz sind ausgezeichnet, die Klangentwicklung faszinierend. Allein für Monteverdis Concerto „Duo seraphim“, in dem die Tenorstimmen wie Arabesken umeinander ranken, hätte sich die Reise in den Rheingau gelohnt.

Am zweiten Abend dann venezianische Polyphonie – und eine Hochzeit: In Venedig feierte man einst die Vermählung der Lagunenstadt mit dem Meer in aufwändiger Prozession und anschließender Messe. Dies wurde nun mit feierlicher Intrada und einer Kompilation unter anderem mit Werken von Andrea und Giovanni Gabrieli klanglich nachgestellt. Allein die konzertante Attraktivität solcher Musik ist eingeschränkt, da sie schlicht und einfach nicht für diesen Zweck komponiert wurde und ihre harmonische Entwicklung eher gering ist. Letztendlich war dieses „Venezianische Musikfest“ mit Glockengeläut vom Band eher eine Show, die man sich, noch satt vom Vortag, gerne gefallen ließ.

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