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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mehr als „Soli Deo Gloria“

KIEDRICH (21. Juni 2016). Sie sind nicht zu beneiden, die Jungs, die da vorne auf der Bühne stehen: Kloster Eberbach, zu dessen Gunsten die Limburger Domsingknaben im Rahmen des Rheingau Musik Festivals ein Benefizkonzert geben, ist selbst bei gutem Willen nur zu einem Viertel besucht (ohne Seitenschiffe) und während des Auftritts läuft die zweite Halbzeit des EM-Spiels Nordirland gegen Deutschland. Immerhin: Das Spiel gewinnt „man“ mit 0:1.

Im Gotteshaus aber regiert an diesem Abend nicht König Fußball, der hoffentlich mit Schuld trägt an den lichten Reihen, sondern Frau Musica – die einzige Dame auf der Bühne, ansonsten: junge Männer und Knabenstimmen, geleitet von Andreas Bollendorf, Domkantor am Hohen Dom zu Limburg und einst selbst Sänger dieses 1967 gegründeten Chores. Nolens volens ist man geneigt, Vergleiche anzustellen – zu den namhafteren deutschen Knabenchören. Das jedoch sollte sich verbieten: Diese Ensembles sind mit einem Sängerinternat im Hintergrund anders aufgestellt, können intensiver arbeiten, sich viel mehr auf die Probenarbeit und musikalische Ausbildung konzentrieren. Äpfel sind Äpfel und Birnen sind Birnen.

Also weg mit den Vorbehalten und den Blick zuvorderst auf eine Tatsache gerichtet, die alle Knabenchöre eint: Hier singen Jungs in einem Alter, in dem man sich eher weniger für Bach-Motetten und Schütz-Psalmen interessiert, ebendiese Musik! Allein das ist schon aller Ehren wert. Und die Limburger Domsingknaben müssen sich in ihrer Liga keinesfalls verstecken. Das Konzert in Kloster Eberbach umfasst Werke aus fünf Jahrhunderten, von Heinrich Schütz bis Ola Gjeilo. Flankiert wird der Chorgesang von Bläserstücken des ebenfalls aus Limburg stammenden Praetorius-Ensembles, das den Abend mit der Fanfare „La Perie“ von Paul Dukas feierlich eröffnet.

Dann der Chor: Auch wenn man nach objektiven Kriterien bei katholischen Knabenchören, deren Wirken in erster Linie auf die gottesdienstliche Gestaltung ausgerichtet ist, vielleicht öfters mal „Luft nach oben“ konstatieren mag, überraschen die Limburger durch einen recht runden und homogenen Klang, der intonatorisch nur partiell leicht getrübt wird – in den ersten Sätzen des vom Praetorius-Ensemble musizierten Quintett Nr. 1 von Victor Ewald (1860-1935) stört das Auseinanderdriften der Register weit mehr. Einzig der Alt des Chores ist etwas schwach besetzt – das jedoch ist ein Problem, mit dem zuweilen auch die „Großen“ zu kämpfen haben.

Die Jungs überzeugen – vor allem in Palestrinas Missa Pape Marcelli, deren Kyrie, Sanctus und Benedictus sie mit gefälliger Binnendynamik anstimmen: Schließt man die Augen, scheint es von allen Seiten her zu klingen. Es sind die musikalischen Kleinode wie Gjeilos ausdrucksstarker Mariengesang „Tota pulchra es“ oder Thomas Tallis‘ „If ye love me“, die den Limburgern liegen. Bei Palestrina lässt Andreas Bollendorf außerdem mit verschiedenen Besetzungen musizieren, was sowohl im Tutti als auch mit verschlankten Registern gefällt. Hier ist es vor allem der zarte Schmelz der Jungmännerstimmen, allen voran der seidige Glanz des Tenors, der im Gedächtnis bleibt.

Man hört eher selten aufgeführte Werke wie drei Marienlieder aus Johannes Brahms Opus 22 oder „V prìrode“ aus Antonin Dvořáks Opus 63 – in der Regel nicht das Repertoire eines Knabenchores und damit vor allem mit Letzterem eine kleine Überraschung. Einzig die Sätze aus der Missa brevis F-Dur von Valentin Rathgeber wollen nicht so recht ins Programm passen: Nicht, weil die Limburger das Stück aus der Zeit Bachs nicht richtig singen könnten, sondern weil es als für den Gottesdienst komponierte Gebrauchsmusik im konzertanten Rahmen schlicht fehl am Platz scheint.

Andreas Bollendorf, zwei Jahre lang Domkantor in Mainz bevor er bis 2015 das Amt des Domkapellmeisters in München ausübte, weiß seine Sänger also zu begeistern. Fazit: Auch und vor allem dann, wenn man eher die Qualität professionell arbeitender und musizierender Ensembles goutieren mag, darf man die Leistung derart engagierter Chöre nicht geringschätzen. Wirklich enttäuscht wird hier höchstens die Hybris, wenn sie die Einsicht übertönt, dass es vor allem solche Einrichtungen sind, die junge Menschen für die Vokalmusik begeistern. Und auch hier werden Talente entdeckt und gefördert – in Limburg beispielsweise sang Christoph Prégardien.

Stiftung Kloster Eberbach
Die ehemalige Zisterzienserabtei Eberbach im Rheingau gehört zu den großartigsten Denkmälern der Klosterbaukunst des europäischen Mittelalters. Eigentümerin und damit verantwortlich für die Bauunterhaltung und den Betrieb der Klosteranlage als kulturtouristische Destination und attraktive Veranstaltungsstätte ist seit 1998 die Stiftung Kloster Eberbach. Die einmalige Generalsanierung trägt das Land Hessen. Zur Deckung ihres zweckgebundenen Etats erhält die Stiftung keinerlei Steuermittel, sondern finanziert sich seit ihrer Gründung über Eintrittsentgelte, Gastronomieverpachtung, Raumvermietungen und Veranstaltungseinnahmen selbst. Zusätzlich helfen Spenden und Förderungen beim nachhaltigen Werterhalt und der Mitfananzierung der täglichen Kosten von mehr als 7.000 Euro.

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