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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Klingende Aphorismen

WIESBADEN (9. August 2016). Die Größe des Namens, den ein Künstler sich durch Talent und Können erworben hat, darf für den Kritiker keine Rolle spielen. Im Gegenteil: Je größer der Name, desto mehr muss sich die Leistung von der anderer abheben – positiv, versteht sich. Etwas mehr Manschetten hat der Rezensent bei älteren Künstlern. Wie schrieb ein Kollege der Berliner „Tagesspiegel“ über einen solchen Pianisten: „Der 1942 Geborene schüttelt die Stücke auf eine Weise aus dem Ärmel, wie man sie in diesem Alter […] ebenfalls gerne aus dem Ärmel schütteln würde.“ (Das nun folgende „Aber“ spielt jetzt noch keine Rolle).

Die Rede ist hier wie in Berlin von Maurizio Pollini, der seine Karriere früh begann und bis heute vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. 2014 war der Pianist erstmals Gast des Rheingau Musik Festivals, in diesem Jahr spielte er im Thiersch-Saal des Kurhauses Werke von Frédéric Chopin und Claude Debussy. Ersterer begleitet ihn durch sein ganzes künstlerisches Leben und seine Einspielungen der Nocturnes brachten ihm unter anderem 2006 den Echo und 2007 einen Grammy ein.

1942 geboren ist Pollini heute 74 Jahre alt. Nicht nur dafür, dass er noch immer auftritt, hat man Respekt zu zollen. An diesem Abend besticht vor allem die (leider nur kurze) Ouvertüre: Arnold Schönbergs „Sechs kleine Klavierstücke“ op. 19, teilweise nur wenige Augenblicke lang, zeichnet Pollini als in Töne gefasste Gedanken – mit allen Brüchen und Sprüngen, zu denen ein reger Geist fähig ist. Es sind klingende Aphorismen, die Schönberg an einem einzigen Tag niederschrieb. So wie der Zwölftoner im letzten Stück an Gustav Mahler erinnert, widmet der Pianist gerade diese Interpretation dem von ihm geschätzten Komponisten Pierre Boulez, der in diesem Jahr – just an Pollinis Geburtstag – verstarb.

Das Spiel des Italieners hat hier etwas bestechend Katzenhaftes: Mal springt er, mal schnürt er über die Tasten, eine imaginäre Beute fest im Blick, sie anvisierend. Sein Anschlag sucht die Nähe des Hörers, ist mal anschmiegsam und ganz plötzlich launenhaft. So wird diese Begegnung mit Schönberg zum Erlebnis, das indes nur wenige Minuten dauert. Zu schön streichelte seine Linke die tiefen Tasten, während die Rechte keck über die höheren Lagen stolzierte.

Auch mit Chopins cis-moll-Prélude op. 45 kann Pollini überzeugen und ruft gar Erinnerungen an eine Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ 1993 in London wach, für die die Bühne einige Zentimeter hoch mit Wasser geflutet wurde: Das Spiel der Mimen und ihre Bewegungen verursachten Wellen, was durch eine entsprechende Illumination an Decke und Wände des Theaters projiziert wurde. Genauso leichtfüßig flirren jetzt die Akkorde und Läufe durch den Thiersch-Saal. Wie in den Préludes aus dem zweiten Buch von Debussy erweist sich der Pianist als Geschichtenerzähler, dem man gerne zuhört.

Bis, ja bis ihm in Chopins Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47 ein Fehler unterläuft. Ab diesem Zeitpunkt stellt Pollini seinen rechten Fuß auf das Pedal und scheint ihn nur zu bewegen, um sich für den Applaus zwischen den Stücken zu erheben. Zumindest die folgenden Werke Chopins, die Ballade Nr. 4 f-moll op. 52 sowie das Scherzo Nr. 1 h-moll op. 20 und (leider auch!) die beiden Nocturnes op. 27 in cis-moll und Des-Dur – ertrinken in den Fluten des Halls, so dass sie kaum mehr Kontur haben. Auch bei Debussy setzt Pollini die mittlerweile stumpf gewordene Klinge gerne ein, doch wird das Pedal hier zuweilen doch wieder zum Stilmittel, beispielsweise im ersten Prélude „Brouillards“ (Nebel) oder anderen atmosphärisch dichten Partien.

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