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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein Abend mit Bach

RÜDESHEIM (6. August 2014). Mit wem man denn am liebsten mal einen Abend verbringen würde, werden Prominente hin und wieder in Radiointerviews gefragt; die gängigen Antworten sind: der Papst, die Kanzlerin, der Dalai Lama – so in etwa. Für den Liebhaber barocker Musik wären das natürlich Bach oder Telemann – am liebsten mit beiden, bei einem Tässchen Coffee (siehe BWV 211) und einem Pfeifchen Toback (BWV 515).

Letzteres Stückchen stammt aus dem Notenbüchlein, das der Thomaskantor für seine Ehefrau Anna Magdalena verfasst hat. Ob bei Bachs wohl des Öfteren daraus musiziert wurde? Zu einer solchen Hausmusik unter anderem mit Stücken daraus lud jetzt das Rheingau Musik Festival ein und veranstaltete mit der Sopranistin Anna Lucia Richter, diesjährige Fokuskünstlerin, und von ihr eingeladenen Künstlern „Einen Abend mit Johann Sebastian Bach“.

Georg Nigl (Bariton), Christine Busch (Violine), Hille Perl (Viola da Gamba) und Jeremy Joseph (Cembalo und Orgel), dazu das besagte Notenkonvolut für die Frau Gemahlin und Kantaten sowie Solostücke Bachs – auch das Programm hatte Richter zusammengestellt. Man mag ein wenig bedauern, dass einzelne Arien und Sätze aus dem Werkkontext herausgelöst erklangen, denn wie gerne hätte man die Kompositionen in ihrer Gänze gehört; doch wäre aus dem „Abend mit Bach“ schnell eine ganze Nacht geworden – und das mag man einem 332-jährigen dann doch nicht zumuten.

Nun aber genug des Spiels mit dem Titel des Konzerts, das wunderbar musiziert war und dessen einzelne Programmpunkte durchaus auch Lust machten, gewisse Stücke mal wieder aus dem CD- oder Plattenregal hervorzuholen und komplett zu hören. Nach dem Präludium D-Dur (BWV 936) eröffnet die Kantate „Der Friede sei mit Dir“ (BWV 158), in der die beiden Stimmen apart mit der Solovioline korrespondieren und im Choral die Singstimmen von Alt und Tenor von Geige und Gambe übernommen werden.

Nigls markiger und doch schlanker Bariton, Richters leichter und doch präsenter Sopran, der vor allem in den Pianissimo-Partien mit ätherischer Brillanz betört, sind für die Bach-Arien natürlich bestens prädestiniert. Und doch bestechen vor allem die ruhigeren, „kleineren“ Melodien, die Bach in Schemellis Gesangbuch gesammelt hat und für die er so wundervolle Begleitungen schuf: „Vergiss mich nicht“ ist der Titel von gleich zwei Chorälen auf Verse von Gottfried Arnold (1666-1714), die erst von Richter, dann von Nigl intoniert werden – stets harmonisch begleitet, mal vom Cembalo solo, mal von Orgel und Gambe.

Es sind tatsächlich die stillen, eindringlichen Momente, die das Konzert in der Rüdesheimer St.-Jakobus-Kirche zu etwas besonderem machen: Als Nigl den so berückenden Choral „Komm, süßer Tod“ intoniert, in dem die Seele die Heimkehr zu Gott so inniglich herbeisehnt, und mit dem Vers „Komm selge Ruh!“ fast schon ersterbend endet, geht es nahtlos über in das Prelude aus Bachs zweiter Suite für Violoncello (BWV 1008), von Perl meisterhaft auf der Gambe gespielt – diese thematische Nähe erinnert entzückend an „La rêveuse“ von Marin Marais und schafft eine wunderbare sinnliche Wärme. Die Gambe ist es auch, die in der Bass-Arie „Das Brausen von den rauhen Winden“ aus BWV 92 so intensiv pulsierend, ja fast schon feurig den Komplementär-Rhythmus intoniert.

Ein Abend mit Johann Sebastian Bach also? Zwar sah man im Publikum keinen entsprechend Gewandeten mit gepuderter Perücke. Doch wie immer, wenn seine Musik derart beseelt musiziert wird, spürte man auch bei Busch, Perl und Richter sowie Joseph und Nigl: „Der Künstler, sprich Komponist ist anwesend.“

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