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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zu Weihnachten keine Wünsche mehr

WIESBADEN (12. Dezember 2014). Für das Rheingau Musik Festival scheint Bachs Weihnachtsoratorium genauso zur Adventszeit zu gehören wie für unzählige Musikliebhaber. In Wiesbaden präsentiert der Veranstalter daher jedes Jahr andere Interpreten – nach Wolfang Katschners Lautten Compagney (2012) und dem Windsbacher Knabenchor (2013) sang nun der Deutsche Kammerchor mit dem Kammerorchester Basel.

Man stelle sich folgende Szene vor: Nachdem Bach am Heilige drei Könige-Tag des Jahres 1725 die sechste und letzte Kantate der heute als Weihnachtsoratorium bekannten Reihung beendet hat und der letzte Ton des Schlusschorals „Nun seid Ihr wohlgerochen“ verklungen ist, tritt man zum Komponisten hin und raunt ihm wissend ins Ohr, dass dieses Werk auch noch 280 Jahre später musiziert werden wird – auf der ganzen Welt und von unzähligen Menschen gehört. Ob Bach sich das jemals ausgemalt hat?

Im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses leitete die Violinistin Julia Schröder als Konzertmeisterin jetzt eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Aufführung. Da war zum einen die Auswahl der Kantaten: Statt wie gewohnt I bis III und vielleicht noch VI, singt der Deutsche Kammerchor die Nummern I, II, V und VI. Dann fand sich das weibliche Geschlecht nur im vokalen wie orchestralen Klangkörper – sämtliche solistischen Partien wurden von Männern gesungen: Valer Barna-Sabadus (Sopranus), Terry Wey (Altus), Jörg Dürmüller (Tenor) sowie Matthias Goerne (Bariton). Und schließlich war der Deutsche Kammerchor äußerst sportlich besetzt. Wie nahe kommt man damit den Gegebenheiten und musikalischen Möglichkeiten zur Zeit Bachs?

Bei aller historischen Aufführungspraxis – das Kammerorchester Basel musiziert selbstverständlich auf Barockinstrumenten – war auch an diesem Abend vor allem die Botschaft, auf der das Weihnachtsoratorium fußt, zu hören. Und die bekam man trotz des säkularen Konzertrahmens glaubhaft überbracht.

Der für den erkrankten Werner Güra eingesprungene Jörg Dürmüller erzählte die Weihnachtshistorie edel und spannend, gefiel in den Arien mit eindringlicher Gegenwart und fügte sich auch in das Terzett in Kantate V sowie in das Quartett am Ende von Kantate VI passgenau ein – ein Glücksgriff. Dürmüller gehört sicherlich zu den besten Bachinterpreten, seinem routinierten Gestalten der bekannten Partien aber fehlt jede Routine: Selbst nach Jahren gibt er ihnen noch immer mühelos eine pikante Frische und lebendige Farbigkeit.

Was auch für die anderen Solisten des Abends gilt: In der schmalen Besetzung des Orchesters spiegelten sich der Sopranus von Valer Barna-Sabadus und der Altus von Terry Wey konturenreich; in beiden Organen verschmelzen knabenhafte Wendigkeit und männliche Präsenz. Die Sänger begeistern mit schlankem Ton, musikantischem Zungenschlag und leuchtend hellem Klang – wunderbar! Barna-Sabadus ergänzte auch den markant-runden Bass-Bariton Matthias Goernes perfekt: Der gestaltete die Arien mit kraftvollem Parlando, legte die Texte auch gestisch aus. Seine Partien wurden so zum Zwiegespräch, zum kommunikativen Gebet und gemeinsam mit Barna-Sabadus entstanden traumhaft schöne Duette – nicht sauber, sondern rein.

Die Güte der Solisten fand sich auch in den anderen Mitwirkenden: Das pointierte Musizieren von Konzertmeisterin Julia Schröder und das grandiose Spiel der Bläser auf Naturtrompeten seien hier stellvertretend für alle Instrumentalsolisten des Abends gelobt. In seiner Gesamtheit spielt das Kammerorchester Basel transparent und doch voluminös, punktgenau und organisch – kurz: es machte wunschlos glücklich. Woran auch der Deutsche Kammerchor keinen geringen Anteil hatte: Obwohl nur mit drei Stimmen pro Register präsent, bestach dieses Eliteensemble mit einem konzertantem Duktus, der Funken schlug. Spannungsgeladen wurden die vitalen Tempi der Chöre genommen, um in den Chorälen die Geschwindigkeit jäh zu drosseln.

Hier wurde die Intension der kunstvollen Schlichtheit, die diesen kleinen Stücken innewohnt, zum packenden und an vielen Stellen fast schon plastischen Erlebnis: Mit einem gezogenen Crescendo ließ der Chor in „Brich an, o schönes Morgenlicht“ tatsächlich die Sonne langsam aufgehen, in „Zwar ist solche Herzensstube“ kam die kommentierende Nachdenklichkeit der Choräle zum Vorschein und in „Ich steh an Deiner Krippen hier“ erklang staunend und fassungslos pure Demut über das Geschehen im Stall.

Dieses klangliche Surrogat macht deutlich, dass das Manko eines womöglich fehlenden Volumens gar keines ist, da sich jeder einzelne Sänger seiner Verantwortung für einen runden Gesamtklang voll bewusst ist. Bleibt die Frage, ob der Aufführung tatsächlich etwas fehlte. Und die muss man schlussendlich von Herzen bejahen: Es waren die Kantaten III und IV.

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