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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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So schön kann Weihnachten sein

WIESBADEN (15. Dezember 2011). Weihnachtsstimmung? In der Schnelllebigkeit unserer Tage hat sie es immer schwerer aufzukommen. Und gerade trotz oder wegen der Künstlichkeit, mit der sie mittels Lebkuchen ab September, Santa Claus-Gedudel in den Kaufhäusern oder Weihnachtsmärkten an jeder Ecke auf Biegen und Brechen erzeugt werden will, tun wirkliche Momente der Besinnung Not.

Dem Rheingau Musik Festival ist ein solcher Augenblick gelungen, indem es zum Adventskonzert mit dem Windsbacher Knabenchor eingeladen hatte. Im Kurhaus wurde der Wunsch bereits Wirklichkeit, den die Jungs einem mit der letzten Zugabe mit auf den Weg gaben: „Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will.“

Natürlich ist es ein besonderes Konzert, dieses letzte von Karl-Friedrich Beringer in Wiesbaden dirigierte: Nach 34 Jahren geht der charismatische Dirigent in den Ruhestand – aber Wehmut gesteht sich höchstens Intendant Michael Herrmann vor diesem 17. Gastspiel der Windsbacher im Rheingau ein.

Mit gewohnter Professionalität gestaltet das Vokalensemble seinen Auftritt gemeinsam mit Joachim Pliquett (Trompete) und Arvid Gast (Orgel). Die klangliche Liaison passt zum funkelnden Ambiente des Thiersch-Saales und schon mit der ersten Fanfare wird klar: Heute gibt es ein facettenreiches Tongemälde zu bestaunen.

„Nun sei uns willkommen, Herre Christ“ ist der erste Cantus, zunächst unisono intoniert, um sogleich prachtvoll aufzublühen. Crescendi sind hier eher gefühlt als hörbar, rein durch Spannung erzeugt. Im portugiesischen Weihnachtslied „Adeste fideles“ fächert sich der Chor zur transparenten Siebenstimmigkeit auf und erzeugt eine ätherische Atmosphäre, in der man sich sogleich geborgen fühlt. Und dieser Reiz potenziert sich noch, als die jungen Männer „Zu Bethlehem geboren“ anstimmen, denn das liebevolle Wiegen des himmlischen Kindeleins wird hier geradezu spürbar, so dass der letzte Vers wörtlich genommen werden möchte: „Je länger, mehr und mehr.“

Es ist diese Plastizität in „Gott geb euch Frieden, edle Herrn“ oder Regers „Und unser lieben Frauen Traum“, es sind die Bindungen und Bögen in „Freu dich, Erd und Sternenzelt“, der reine, polyphone Glanz eines „In dulci jubilo“ oder die jähe Schlichtheit in „Ich steh an deiner Krippen hier“, die immer wieder überrascht aufhorchen lassen: So schön kann Weihnachten auch heute noch sein. Den festlichen Glanz zaubern Pliquett und Gast mit Telemann, Brahms und Bach sowie eleganten Überleitungen, so dass die Bandbreite dieses Konzerts vom andächtigen Innehalten bis zum überschwänglichen Jubel reicht.

Bei aller Verbundenheit mit dem scheidenden Dirigenten steht der Veranstalter aber auch weiterhin zum Windsbacher Knabenchor, dem man 2007 nicht nur den Rheingau Musik Preis sondern auch den Förderpreis der Stiftung verlieh. Am 1. Februar 2012 übernimmt Martin Lehmann die Leitung des Vokalensembles von Weltrang und wird auch bereits in der kommenden Jubiläumssaison des Rheingau Musik Festivals vor Ort zu hören sein: Am 26. Juli 2012 gibt der Windsbacher Knabenchor in der Wiesbadener Marktkirche ein geistliches Konzert. Man darf also gespannt sein.

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