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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der Tod hat nicht das letzte Wort

EBERBACH (24. Juli 2010). Mit dem Tod hatte sich das Konzert von Camerata Vocale Freiburg und kammerorchesterbasel unter der Leitung von Winfried Toll ein sensibles Thema gestellt. In Kloster Eberbach war man Gast des Rheingau Musik Festivals und näherte sich dem Ende allen Seins mit Werken von Mozart und Wolf, um in die tröstliche Stimmung des Brahms-Requiems zu münden.

Das Kyrie d-moll für Chor und Orchester KV 341 von Wolfgang Amadeus Mozart machte den Anfang, womit die Künstler des Abends sogleich ihr Terrain absteckten: weg vom entrückt Liturgischen, hin zum schwungvoll Konzertanten. Und dennoch gebrach es dieser Musik nicht an der ihr innewohnenden dunklen Feierlichkeit. Bereits hier zeigten Chor und Instrumentalisten deckungsgleiche Qualitäten, wobei im kammerorchesterbasel besonders das satte Blech gefiel.

Mit Rachel Harnisch (Sopran) und Dietrich Henschel (Bariton) hatte man zwei anrührende Interpreten gewählt, die vor ihrem Einsatz bei Brahms mit sechs Liedern von Hugo Wolf den morbiden Charme des Abends umkreisten. In den drei Harfenspieler-Liedern, Vertonungen von Goethe-Texten aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, zeichnete Henschel mit lichter Tiefe die Todesqualen des unglücklich Verliebten oder des marternden Gewissens nach und sehnte traumversunken in Mörikes „An den Schlaf“ den todesgleichen Schlummer herbei. An Innigkeit tat es ihm Rachel Harnisch gleich, die das „Schlafende Jesuskind“ besang und sich im schicksalsergebenen Gebet an die himmlischen Mächte wandte. Auch sie verlieh den Versen Mörikes mit flaumiger Milde einen zarten Schmelz.

Im zweiten Teil erlebte das Publikum dann eine beispielhafte Interpretation des Requiems von Johannes Brahms: Wieder beeindruckten Chor und Orchester durch gestochen scharfe Harmonie, die mit transparentem Leuchten den Impetus des Trostes über die Totenklage siegen ließ. Winfried Toll führte agogisch wie dynamisch perfekt dosiert durch diesen musikalischen Bogen und ließ seine Sänger in den fahlen wie eruptiven Passagen glänzen.

Schweren Schrittes schleppte sich da der Trauerzug im zweiten Satz, in dem das Wellenförmige, schließlich im Brechen der Woge Überschäumende perfekt inszeniert wurde. Henschels Bariton und Harnischs Sopran schmiegten sich passgenau in den Einklang der Camerata Vocale und des kammerorchesterbasel – graue Verzweiflung im dritten und tröstliche Zuneigung im fünften Satz, bevor der Chor nach kraftvoller Prophezeiung dem Tod mit berauschender Kraft aufwühlend eine Absage erteilte.

Er hat eben doch nicht das letzte Wort, sagt uns Brahms in seinem Requiem. Und himmlisch leicht, wie von Ferne, unterschreiben dies die Stimmen des Chores im letzten Satz „Selig sind die Toten“: Durch die fesselnde, in Es-Dur modulierte Aufwärtsbewegung weicht die Nacht dem Licht. Endgültig.

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