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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Eilt, ach eilet?

WIESBADEN (13. Dezember 2012). Für viele gehört es einfach dazu, das Weihnachtsoratorium. Und vielleicht könnte man mal anderen Komponisten eine Chance geben: den Herren Eybler, Graupner, Mattheson oder Rolle zum Beispiel. Das lohnt sich! Und doch: Letztendlich läuft es – natürlich – auf Johann Sebastian Bach hinaus. Gerade dem Altbekannten sich neu zu nähern hat sich vor allem Wolfgang Katschner als Leiter der Lautten Compagney Berlin auf die Fahne geschrieben. Mit Solisten der Capella Angelica führte er nun „WO I-III“ im Kurhaus auf.

Schnell wird klar: Die Lautten Compagney hat den diesjährigen Rheingau Musik Preis, der ihr eine Stunde zuvor verliehen wurde, verdient. Die Jury lobt Katschners „kreative Konzepte, die das Unmögliche möglich machen“, die „programmatische Vielfalt“, überzeugendes „höchstes musikalisches Niveau gepaart mit einer wunderbaren, sich auf das Publikum übertragenden Spielfreude“. Dem mag man auch nach diesem Konzert nicht widersprechen, oder?

Fraglos musiziert die Lautten Compagney brillant – und das muss sie auch, denn ihr Leiter fordert seinen Musikern auch mit dem Bachschen Weihnachtsoratorium alles ab. Womit man auch schon an der Schwachstelle des Konzerts im Friedrich-von-Thiersch-Saal wäre: Hat der Dirigent heute Abend noch was vor? Mit höchsten Tempi hetzt man von der Weide in Richtung Stall. Da ist kaum Zeit zum Luftholen und selbst die pastorale Sinfonie zu Beginn der zweiten Kantate mutet an, als wolle man unter ihren Klängen die Schafe möglichst schnell in den Stall treiben. Zwar bewundert man anfangs die Wendigkeit der Lautten Compagney und der 13 Vokalisten, doch wird das Stilmittel des Turbos, wenn es denn über weite Strecken singulär bleibt, zu schnell zu langweilig.

Gewiss gibt es auch ruhige Momente, als Dorothea Zimmermann mit einer anrührenden Schlichtheit punktgenau den Impetus der Alt-Arie „Schlafe, mein Liebster“ trifft – aber warum muss dann plötzlich bei „Labe die Brust“ wieder unangenehm überraschend beschleunigt werden? Wobei es natürlich auch Passagen gibt, wo rascheres Tempo verpflichtend ist: in Christian Rathgebers elegant ausgesungener Tenor-Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ oder im Jubelchor „Ehre sei Gott in der Höhe“. Aber immer schneller, höher, weiter? Wer neue Wege gehen will, sollte sich und vor allem dem Publikum Zeit geben, die dadurch veränderte Landschaft ringsum mit anderen Augen zu betrachten.

Im Chor hat Katschner 13 Vokalisten vereint, die sich abgesehen vom partiell ein wenig spitzen Sopran für eine homogene Durchhörbarkeit ansprechend mischen. Hier experimentiert der Dirigent, stellt einzelne Stücke (wie in seiner jüngsten Aufnahme der Bach-Motetten mit der Lautten Compagney und dem Ensemble Amacord) in neue Zusammenhänge: Da intoniert das Orchester die Choralbegleitung „a chora“ und lässt die Vokalisten den Text nur mit Orgel wiederholen – eine schöne Idee, die Schule machen könnte. Dann wird ein Choral von einem Solistenquartett angestimmt, mal solistisch von Sopran, mal von Alt oder in der Kombination Sopran und Bass gesungen. Traumhaft schön gelingt das schwebende „Ich will die mit Fleiß bewahren“, wo Katschner eine Fermate wunderbar ausdehnt – bis in das besungene „andere Leben“.

Hierauf verweist auch die zwischen Kantete II und III gesetzte Motette „Fürchte dich nicht“ (BWV 228) für zwei vierstimmige Chöre und Orgel, mit der sich die Capella Angelica als exquisites Vokalensemble empfiehlt.

Bei den Solisten – sämtlich aus den Reihen der Capella Angelica – überzeugt neben Zimmermann und Rathgeber vor allem der satte und trotzdem schlanke Bass von Cornelius Uhle. Katschner verteilt die solistischen Partien gerecht, doch nicht unbedingt paritätisch: Manch Stimme schlägt einen in ihren Bann, manche Darbietung verklingt ohne inneren Wiederhall. Schade.

Was bleibt also? Fraglos die Bewunderung der preiswürdigen Kreativität Katschners, der klanglichen Vielfalt, des höchsten musikalischen Niveaus und der wunderbaren Spielfreude aller Beteiligten. Aber eben auch der laute Zweifel, ob nicht gerade das Weihnachtsoratorium mit seinen meditativen Partien ein durchgängig zu hohes Tempo verbietet. Bach darf man gewiss nicht zur Schnecke machen – er sollte aber genau so wenig Bolide sein…

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