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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ätherische Klänge aus der Retorte

EBERBACH (15. August 2010). Traditionell an Mariä Himmelfahrt widmet sich das Rheingau Musik Festival einem Komponisten und seiner Marienvesper. Doch Claudio Monteverdis Werk, das einem hier sicherlich zuerst einfällt, erklang bereits Wochen zuvor. In diesem Jahr war es stattdessen Johann Rosenmüller (1617-1684), auch wenn er selbst gar keine derartige Vesper geschrieben hat. Ihm sekundierte Jahrhunderte später Arno Paduch, Leiter des Johann Rosenmüller Ensembles, indem er aus Werken des Tonschöpfers eine Marienvesper erstellte – mit beachtlichem Ergebnis.

Natürlich ist man geneigt, Rosenmüller und Monteverdi in einer Art akustischer Synopse zu sehen und muss doch alsbald scheitern. Der Deutsche Rosenmüller wäre als Thomaskantor fast einer von Bachs Vorgängern geworden, jedoch verschlug es ihn nach Venedig, wo er „in gleicher Position“ vor Vivaldi wirkte. Während also Monteverdis Vesper durch und durch italienisch ist, hört man bei Rosenmüller seine deutschen, vor allen Dingen protestantischen Wurzeln, in denen sich der venezianische Stil mit dem Schützscher Prägung zu einem neuen Klang vermählt.

Dem lohnt es sich zu lauschen: Aus dem Reichtum der Psalmvertonungen Rosenmüllers hat Arno Paduch für das Konzert in Kloster Eberbach ein schlüssiges Gesamt entworfen, das mit Gregorianik eröffnet und schließt. In alternierenden Besetzungen erklingen Psalmen aus dem fünften Buch – „Dixit Dominus“ (110), „Laudate Pueri“ (113), „Laetatus sum“ (122), „Nisi Dominus“ (127) und „Lauda Hierusalem“ (147) – „Magnificat“, „Ave Maria“ und „Salve Regina“. Dass es sich hierbei „nur“ um ein Konstrukt handelt, verblasst hinter der hohen Kunst des Musizierens, die die Stücke zur Einheit bindet.

Das Johann Rosenmüller Ensemble ist bestens aufgestellt – vokal wie instrumental. Die jeweils doppelt besetzten Stimmgruppen balancieren Sprache und Klang perfekt aus und erzeugen somit eine Transparenz, die wie ein leichter Schleier über dem feinen Ton der Instrumente schwebt. Da es sich bei den Stimmen in keinem Fall um vokale „Doppelgänger“ handelt, mischen sich die einzelnen Solisten zu stets bestechend harmonischen Gruppen, was seinen Höhepunkt im sphärischen „Salve Regina“ findet: Zum Klang von Violone und Harfe ertönen wie von ferne im zarten Piano die menschlichen Stimmen – und die Zeit scheint einen Moment lang still zu stehen.

Echoeffekte pflanzen sich in allen Registern fort, kunstvoll umweben sich die Koloraturen und lautmalerisch pflegen die Musiker eine klingende Begrifflichkeit. Sowohl im Tutti, das seine Opulenz einzig durch den Klang gewinnt, als auch in den sinnlichen Solos, Duetten, Trios und Quartetten besticht die federleichte Perfektion, die ätherische Reinheit, schlicht: die stilistische Sicherheit, mit dem sich das Johann Rosenmüller Ensemble seinem Namenspatron nähert.

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