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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sechs Stimmen, ein Ton

BINGEN (15. Juli 2017). Man stelle sich vor, die Kanzlerin kürzte der Verteidigungsministerin per Dekret die Mittel für (im Ernstfall ja doch nicht funktionierende) Rüstungsgüter und unterhielt stattdessen einen Chor, für den die besten Komponisten des Landes Musik schrieben!

Ein Vorbild dafür könnte ihr Ludwig XIV. bieten: Im Konvent von Saint-Cyr nahe Versailles hatte der kunstsinnige Herrscher seinerzeit eine Klosterschule eingerichtet, in der man Töchtern verarmter Adliger eine standesgemäße Erziehung erteilte. Hier intonierten die jungen Damen Gesänge, die die besten Organisten von Paris – Louis-Nicolas Clérambault (1676-1749), Henry Dumont (1610-1684) und Guillaume-Gabriel Nivers (1632-1714) – für sie komponierten.

Dieses überreiche Erbe hat das Ensemble Correspondances angetreten, das jetzt im Rahmen von RheinVokal in der Binger Basilika St. Martin gastierte. Instrumental begleitet von zwei Gamben, Laute und Theorbe und unter der Leitung von Sébastien Daucé an der Truhenorgel sangen die sechs Frauenstimmen außerdem gregorianische Choräle und Motetten von Marc-Antoine Charpentier (1643-1704) und Michel-Richard Delalande (1657-1726).

Ob es wohl so geklungen haben mag? Wenn, dann durften sich seine Majestät und der Hofstaat glücklich schätzen: Schon die unisono vorgetragene Gregorianik schlägt einen in ihren Bann, so homogen finden sich die Stimmen der sechs Chordamen zueinander. Im Laufe des Konzerts wird man jede von ihnen auch solistisch hören – mit ihrem ganz eigenen Timbre, ihrer ganz eigenen Färbung und Kraft. Zusammen jedoch mischen sie sich zu einem wunderbaren Chorklang, der in einen gemeinsamen Ton mündet und die Individuen tonal bündelt.

Wenn sich der Klang dann jedoch auffächert, in vier, zwei mal drei oder drei mal zwei Stimmen, dann erblüht die Musik und die Tonfärbung der Einzelstimme fügt ihren Kolorit zur Klangpallette des Tutti: der satte Alt von Marie Pouchelon oder der warm strahlende Sopran von Caroline Dangin-Bardot, die stellvertretend für das Ensemble genannt seien. Es erklingen wunderbar reine Oktaven, unglaublich sauber intonierte Akkorde, Koloraturen wie feine Ornamente.

Einzig die Übergänge zwischen den Werken geraten ein wenig nahtlos – hier hätten instrumentale Interludien dem Programm womöglich noch mehr Kontur gegeben, doch das nur am Rande. Das Ensemble trägt seinen Namen zu Recht, denn in verschiedenen Besetzungen wird tatsächlich meisterhaft korrespondiert. Wie im moralischen Lehrgedicht von Jean Racine über das Glück der Gerechten in einer Vertonung Delalandes: So möchte man sich gerne die Leviten lesen lassen.

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