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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Amen“ heißt: So sei es!

BOPPARD (1. Juli 2017). Georg Philipp Telemann starb vor 250 Jahren und hat der Musikwelt ein grandioses Œuvre hinterlassen. Aus diesem, mehrere Tausend Stücke zählenden Werkekanon können Konzertierende schier unendlich schöpfen, um spannende Programme zusammenzustellen; womit sie dem großen Meister nacheifern, spielte der doch mit den Besetzungen wie ein geschickter Jongleur. Doch bei aller Grandezza: Die tiefste Schönheit offenbart sich auch hier in der scheinbaren Schlichtheit, wie die „Telemannische Hauspostille“, die im Rahmen von RheinVokal jetzt zu hören war, zeigte.

Das Programm ist in seiner Gänze beim Leipziger Label Rondeau Productions auf CD erschienen: Neun musikalische Hausandachten, die Klaus Mertens mit seiner tadellosen Stimme intoniert, begleitet von Thomas Fritzsch (Viola da gamba), Stefan Maass (Barocklaute) und Michael Schönheit (Orgel). Mit Teilen hieraus, Chorälen aus Telemanns „Fast allgemeinen evangelisch-musicalischem Lieder-Buch“ von 1730 sowie einer Auswahl seiner zwölf Fantasien für Viola da gamba solo, die Thomas Fritzsch erst 2016 entdeckt (und als Weltersteinspielung für Coviello Classics aufgenommen) hat, wurde eine Konzertfolge konzipiert, die den Hörer sowohl mit der großartigen Kunst, als auch mit der tiefen Glaubensgewissheit Telemanns konfrontiert.

Das RheinVokal-Konzert fand in der wunderschönen Pankratiuskirche in Boppard-Herschwiesen statt. Und natürlich musste man sich erst einmal hineinhören in diesen bislang eher unbekannten Wechsel aus gesprochenem und gesungenem Wort sowie instrumentaler Musik. Doch machten die Künstler des Abends es einem mehr als leicht den Andachten zu folgen – und wer könnte diese Art des Vortrags intensiver, weil unmittelbar ansprechend gestalten als Klaus Mertens mit seinem eleganten Bariton?

Faszinierend, wie er vom rezitierten Dictum (einem gesprochenen Bibelvers) nahtlos zum gesungenen Wort übergehen kann. Wie auch seine Gesangskunst erfordert dies sicherlich ein Höchstmaß an disziplinierter Konzentration – doch von Kraftaufwand, von Druck gar ist hier keine Sekunde lang etwas zu spüren. Im Gegenteil: Mertens‘ unglaubliche stimmliche wie geistige Flexibilität lässt einen meinen, als geschehe das Gehörte ganz von selbst, fast möchte man sagen: wie von Engelszunge. Das Wort wird hier Musik und die Musik Wort, das Konzert zum Gottesdienst, das Lied zur packenden und berührenden Predigt.

Mertens’ Stimme gleicht in ihrer Wandelfähigkeit dabei einem Hochkaräter, der im Licht betrachtet immer wieder anders funkelt: Mal bewundert man den durchdringenden Ton, in der Tiefe wie in der Höhe hundertprozentig präsent, mal die ohne jegliche Forcierung glasklare Intonation, den perfekten Vokal- wie Lagenausgleich, die in allen Dynamiken gleich durchhörbare Klangstruktur – dabei wird der Künstler, er möge einem die Betonung verzeihen, in wenigen Jahren 70! Doch nie hört es sich nach „Arbeit“ an, stets klingt die Stimme wunderbar entspannt und damit entspannend: Ein aufmerksam gehörtes und verinnerlichtes Konzert mit diesem Künstler ersetzt ohne Wenn und Aber eine Stunde beim Gesangslehrer – der eigene saß im Konzert neben einem und widersprach im Pausengespräch hier übrigens nicht…

Doch zurück zu Telemann, wo zur Andacht geläutet wird: Instrumentales Choralvorspiel, Variationen im Liedgesang, eine Arie, ein gesprochener Bibelvers: Wie charismatische Prediger sprechen einen die Musiker an – alle. Es braucht heute kein großes Oratorium, kein Orchester, keinen Chor, um zu überzeugen: Die Stimme und die drei Instrumente reichen vollkommen: „Herr Jesu Christ! Ich schrey zu Dir“, denn „groß ist die Noth“, bei der der Ariensänger fragt, ob Gott denn schlafe: „Erweck‘ Dich, Gott, erwecke Dich!“. An anderer Stelle wird dem Herrn gedankt und strahlend geht im Altarraum das Gestirn auf: „Wie schön leucht uns der Morgenstern“. So, wie Mertens das vorträgt, hat es etwas Endgültiges – der letzte Cantus endet denn auch folgerichtig mit „Amen!“

Durchbrochen werden die in wechselnden Besetzungen behutsam und anrührend begleiteten Liedvorträge, die in den Chorälen „Jesu meine Freude“ und „Ein feste Burg“ gipfeln, durch drei Gamben-Fantasien in g-moll, D-Dur und c-moll. Telemann hat sie 1735 in Hamburg komponiert – nur knapp 50 Jahre später, nämlich 1784 fertigte Johann Caspar Göbler in Breslau die siebensaitige Gambe, auf der Thomas Fritzsch an diesem Abend musiziert: ein vergleichsweise kleines Instrument – aber mit welch einem körperreichen Volumen! Schon das Stimmen ist purer Genuss – und erst das Spiel mit seinen agilen Intervallsprüngen sowie Linien und Läufen. Die Gambe ähnelt, so sagt man ihr nach, von allen Instrumenten der menschlichen Stimme am meisten – hier und heute hat man die Möglichkeit, diesem Vergleich seine Gültigkeit zu bescheinigen.

Nachzuhören zum einen am 4. November vom 19.05 bis 20 Uhr im SWR2-Programm „Geistliche Musik“ sowie auf den Tonträgern „Telemannische Hauspostille“ (Rondeau Productions, ROP6124), „Telemannisches Gesangbuch“ (Carus 83.340) und „Georg Philipp Telemann – 12 Fantasies pour la Basse de Violle“ (Coviello Classics, COV 91601).

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