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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Barocke Oper als Statement

WIESBADEN (11. Februar 2017). Ungemütlich ist es da auf der Bühne: zwei karge, graue Betonwände mit länglichen Sichtschlitzen wie Schießscharten, ein auf den Hintergrund projiziertes Bild einer öden Wüstenei. Nein, von diesem Ort will man fliehen. Das tun auch die beiden Heldinnen in Alessandro Scarlattis Oper „La Giuditta“, Judith und ihre Amme Nutrice: Als Flüchtling getarnt verführt die schöne Jüdin den Kriegsherrn Holofernes, der ihr Volk so arg bedrängt – und tötet den ihr rasch Verfallenen. Ein brandaktueller Stoff also, den die jüngste Produktion der Mainzer Hochschule für Musik da im Kleinen Haus des Staatstheaters auf die Bühne bringt.

Scarlattis oratorische Oper aus dem Jahr 1697 ist mit Radoslava Vorgic in der Titelrolle, Hyemi Jung als Amme Nutrice und Christan Rathgeber als Holofernes bestens besetzt. Vorgic spielt die zornige und in ihrem Eifer ebenso berechnend wie blinde Giuditta ergreifend und singt Rezitative und Arien mit federndem Sopran, der koloraturenreich zwischen Grazie und Wut changiert. Jung gibt die erst zögerliche und dann ebenso fanatische Amme mit wunderbar kraftvollem Alt und Rathgeber ist wie seine Kolleginnen nicht nur Sänger, sondern auch überzeugender Darsteller, dessen eleganter Tenor dem anfangs in schweres Leder gehüllten Holofernes neben der kriegerischen Arroganz im Folgenden auch eine sanfte, verletzliche Note gibt.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Christian Rohrbach. Selbst auch aktiver Sänger kann er sich doppelt in den Klang hineinfühlen und lässt das einfach besetzte Kammerorchester so vital und transparent aufspielen, dass es die karge Bühne über das Vehikel der Phantasie zur „blühenden Landschaft“ verzaubert: Musik und Handlung gehen fest Hand in Hand und aus dem Schauspiel wird für seine Zeit pralles Leben; man ist live dabei, ersinnt mit Judith den Rachenplan, zittert, wenn die Flüchtlinge gefasst und bedroht werden, verfolgt gespannt das Umgarnen und darf schließlich mit voyeuristischem Schaudern dem Turteln und Töten zuschauen. Vor allem in diesem Augenblick macht Rohrbach mit seiner musikalischen Deutung eine fast schon grausame Zäsur: Liebe und damit Frieden wären möglich und drängen sich durch die Zartheit der Musik fast schon auf, doch die sich als Werkzeug Gottes verstehende Judith begeht den rächenden Mord – wieder so eine bedrückende Parallele zur Realität, die fatalerweise von der Regie gar nicht besonders skizziert zu werden braucht.

Rund 90 Minuten dauert die Inszenierung von Chris Pichler und lässt keine Wünsche übrig, wenngleich mancher Einfall der Regisseurin wenig zur Handlung beiträgt: Warum bringt der Wachmann Judith ihr Kleid fast nackt und albern tänzelnd, wieso entblößen die Soldaten an anderer Stelle ihre Oberkörper wie die Chippendales? Dass diese zuvor in waffenstarrendem Camouflage an Soldaten in aktuellen Krisenregionen erinnern, ist natürlich kein Zufall, sondern eine gelungene Brücke ins Hier und Jetzt, ein optischer Kontrapunkt zur barocken Musik. Auch anderes ist wunderbar gelöst: Die Bluttat – Giuidtta schlägt Holofernes bekanntermaßen den Kopf ab – wird von ihrem Rücken verdeckt und doch präsentiert Nutrice dann das entrumpfte Haupt. Das schlichte Bühnenbild (Matthias Schaller) und die (von der Soldateska abgesehen) unaufdringlichen Kostüme (Claudia Weinhart) rücken Handlung und vor allem die Musik in den Vordergrund.

Die Bluttat bringt indes keinen Frieden, die vom Tyrannen befreite Heimat empfängt die Rächer mit Schimpf und Schande, Amme Nutrice wird getötet. Alles also umsonst? Die Inszenierung findet einen nachdenklichen Schluss und ergänzt die Handlung durch die Einsicht, dass Gewalt kaum eine Lösung ist – von Radoslava Vorgic wunderbar intoniert mit der Arie „Ombre voi“ aus Scarlattis „Serenata a Filli“. Dadurch bekommt der Abend eine deutliche Aussage und zusätzlich Gewicht, das aufgrund der exquisiten Darbietung der Musiker ohnehin alles andere als gering war.

[Foto: Paul Leclaire, Hessisches Staatstheater Wiesbaden]

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