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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schweizer Schüler singen Friedenbotschaft

MAINZ (26. März 2015). Wenn die Chöre am Mainzer Dom auf Reisen gehen, tun sie das meist per Bahn oder Flugzeug. Den Wasserweg wählten jetzt hingegen Gäste aus der Schweiz, die für ein Konzert vor Ort Station machten. Zwei Schiffe brachten den 120 Stimmen starken Schulchor des Gymnasiums und Internats Kloster Disentis nach Auftritten unter anderem in Zürich und Basel rheinabwärts nach Speyer und Mainz, wo Auftragswerke aus der Feder von Lorenz Dangel und Ursin Defuns zur Aufführung kamen.

Bevor die Tournee am Folgetag im Kölner Dom endete, sang das junge Ensemble unter der Leitung von Clau Scherrer im Mainzer Dom und erinnerte unter dem Motto „Ut unum sint“ – zu Deutsch „Dass sie eins seien“ – an das Ende des zweiten Weltkrieges. Erst am 27. Februar hatte man in Mainz des verheerenden Angriffes alliierter Luftstreitkräfte vor 70 Jahren gedacht – der Schulchor aus der Schweiz setzte den Bildern der Zerstörung nun ein Zeichen der Hoffnung entgegen.

In sieben Sätze hat der 1977 in Würzburg geborene Lorenz Dangel seine Friedensvesper „Ut unum sint“ – so lautet auch die Inschrift der größten Glocke von Kloster Disentis – aufgeteilt und jedem Satz ein vom Klosterensemble „deCanto“ angestimmtes Antiphon vorangestellt. Die vertonten Texte entstammen den Psalmen und erzählen auf Latein vom bestehenden und auf Deutsch vom schmerzlich vermissten Frieden. Ihn zu verkünden war die Idee, die der 43. Tournee des Chors zugrunde lag.

Stilistisch ist „Ut unum sint“ bewusst vielschichtig, wenn dadurch auch etwas beliebig. Das Stück vereint flächige Tonalität, Cluster und Dissonanz: Von Wohlklang bis hin zu expressionistischem Sprechgesang durchlebt das Publikum den Wandel vom Licht zum dunklen Leid, das atonal zerrissen gestaltet ist. Doch die Hoffnung siegt und schenkt dem Zuhörer schließlich den ersehnten Frieden. Dirigent Scherrer inszenierte das Werk packend, der Chor intonierte kraftvoll und bildete mit den Musikern des Orchesters „Desertina“ eine homogene Einheit. Auch die Sopranistinnen Judit und Letizia Scherrer gestalteten ihre Partien gefühlvoll wie überzeugend.

Zuvor hörte das Publikum im Mainzer Dom das „Magnificat para el papa Francisco“ von Ursin Defuns (*1964), der die Musik am Tag der Papstwahl am 13. März 2013 vollendete. Das Werk zeichnet nach Worten des Komponisten die Kuppel des Petersdoms akustisch nach und bildet die Pracht des Vatikans ab. Die weitere Vertonung des Magnificat-Textes hingegen beschreibt die ländliche Heimat des früheren Priesters Jorge Mario Bergoglio sowie sich steigernd Buenos Aires als spätere Wirkungsstätte des heutigen Kirchenoberhauptes.

Auch das „Magnificat para el papa Francisco“ wurde somit zum buchstäblich klangarchitektonischen Erlebnis, mit dem die jungen Künstler die kompositorischen Ideen ihres Musiklehrers Defuns verständig umsetzten. Für die Tournee hatte sich der Schulchor des Klosters Disentis übrigens erstmalig mit zeitgenössischen Werken befasst – ein Debüt, das aufgrund der Intensität, mit der in Mainz musiziert wurde, durchaus nach einer Fortsetzung verlangt.

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