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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Transzendenz durch Transparenz

MAINZ (26. April 2013). Keine Frage: Hätte man ausgerechnet die Orgelsinfonie von Camille Saint-Saëns (1835-1921) mit einem digitalen Instrument im Großen Haus des Staatstheaters musiziert – es wäre rein akustisch ein tragischer Reinfall geworden.

Da erwies es sich als äußerst kluger Schritt von Hermann Bäumer ein paar mehr zu tun und mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz in den Dom zu wechseln, um dort das siebte Sinfoniekonzert der Saison zu spielen. Und nicht nur dies ließ den Abend zu einem grandiosen Klangerlebnis werden, denn die Künstler schienen die besondere Atmosphäre des Gotteshauses verinnerlicht zu haben, so dass sie Raum und Musik mit großer Kunstfertigkeit durchdrangen.

Wie ein zartes Atmen, ein ruhiger Fluss beginnt die „Symphonie No. 3 avec Orgue“. Seufzer durchwehen das Adagio des ersten Satzes, den Bäumer mit packenden Bögen und aufblühender Dynamik gestaltet. Im Allegro moderato sind die pulsierenden Wellenbewegungen nicht nur hör-, sondern fast schon körperlich spürbar und das Blech besticht durch lupenreine Intonation und stählernen Klang.

Dann erklingt die Orgel: Domorganist Beckmann intoniert das Adagio so, als würde er sein aufgewühlt-zitterndes Publikum in eine wärmende Decke hüllen und zärtlich zudecken. Im Dezember 2012 spielte der Künstler das Werk im Rahmen eines Mainzer Meisterkonzerts mit der Deutschen Staatsphilharmonie in der Rheingoldhalle auf einer digitalen Orgel; hier im Dom und am eigenen Instrument aber ist Beckmann zuhause, was der Zuhörer wohlig spüren darf.

Natürlich beeindrucken auch die dramatischen Partien, allen voran das prächtig-mächtige Finale mit majestätischem Orgelton und das Orchester folgt Bäumer stets punktgenau, sauber und als gelenkig-vitaler Organismus – was aber am längsten nachklingt, ist das Leise, Verhaltene, Intime.

Das zweite Werk des Abends ist ebenfalls das eines Franzosen: „Stabat mater“ für Sopran, Chor und Orchester von Francis Poulenc (1899-1963). Souverän einstudiert von Domkapellmeister Karsten Storck singt die Domkantorei St. Martin mit dem Vokalensemble des Mädchenchores am Dom und St. Quintin. Hier spielen die Stimmen die erste Geige und Bäumer führt das Orchester als zuverlässigen und treuen Begleiter, der an den richtigen Stellen seine Akzente setzt. Abwechselnd ruhig und aufwühlend erklingen die Verse, die die trauernde Gottesmutter am Kreuz beschreiben.

Beeindruckend deutlich in der Diktion nehmen die Stimmen den Zuhörer an der Hand und beschreiben ergreifend die Szenerie. Sopranistin Vida Mikneviciute besticht dabei in ihren Partien mit äußerst klarer Präsenz, die sich elegant auf den von Chor und Orchester ausgebreiteten Klangteppich legt. Das Werk ist von überwältigender, schlichter Schönheit, die sich vor allem im letzten Satz ihre Bahn bricht: Vor dem Amen besingen Chor und Sopran in weitausholenden Linien die Worte „Paradisi gloria“. Das Auditorium applaudiert begeistert und ergriffen.

Man kann das erste Gastspiel der Sinfoniekonzerte des Staatstheaters also als vollen Erfolg verbuchen. Und wenn es zwischen den Hausherren und ihren Gästen im Vorfeld und hinter den Kulissen genauso harmonisch zuging wie auf dem Konzertpodium dieses Abends, dann darf sich das Mainzer Publikum hoffentlich auf weitere dieser Gastspiele freuen.

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