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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Packende Apostelgeschichte

WIESBADEN (3. Februar 2018). Eigentlich müsste man in jedem Konzert, in dem die Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy erklingt, ob der Werke, die dieses Genie eben nicht mehr geschrieben hat, eine stille Träne vergießen: Der Komponist starb 1847 im Alter von gerade mal 38 Jahren und schenkte der Musikwelt dennoch ein Œuvre mit wertvollen Perlen der Kammer-, Orchester- sowie Vokalmusik.

Im wundervollen Ambiente der Lutherkirche war jetzt Mendelssohns erstes Oratorium „Paulus“ mit UniChor und UniOrchester aus Mainz zu hören – in der eigenen Stadt fand sich fastnachtsbedingt aktuell keine geeignete Konzertstätte für die beiden groß besetzten Klangkörper. Ein Semester lang hatte Prof. Felix Koch mit Sängern und Instrumentalisten gearbeitet – mit hörbarem Erfolg: Das Publikum erlebte die Läuterung des Christenverfolgers Saulus zum Apostel Paulus als packendes Drama. Und erneut durfte man das beachtliche Niveau bestaunen, musizieren in Chor und Orchester doch fast ausschließlich engagierte Laien – Dirigent Koch ist offensichtlich nicht nur am Pult ein Profi, sondern auch darin, Menschen für ein gemeinsames Projekt zu begeistern.

Standen bei der Uraufführung des „Paulus“ 1836 weit mehr als 400 Musiker auf dem Podium, waren es in Wiesbaden immerhin fast 250. Wissend um den musikalischen Hintergrund der Mitwirkenden konnte man es leicht verschmerzen, dass es im Orchester (namentlich bei den Bläsern) zuweilen rumpelte. Doch mag man sich dabei gar nicht lange aufhalten, denn zu beeindruckend war das, was der Chor an diesem Abend leistete! Felix Koch hat den rund 170-stimmigen Klangkörper zu einem faszinierend homogen und blitzsauber intonierenden Chor geschmiedet, dessen exakte Diktion und kraftvolle Transparenz selbst höchsten vokalen Ansprüchen mehr als genügte. Alle Register mischten sich derart perfekt, dass es ungelogen schwer fiel zu glauben, hier tatsächlich keinen Profi-Chor singen zu hören.

Die Solisten wurden für dieses Konzerts erstmals durch das eigens eingerichtete Gutenberg-Gesangsstipendium ermittelt: Mehrere Bewerber hatten die Partien unter fachkundiger Anleitung erfahrener Gesangsdozenten der Mainzer Hochschule erarbeitet. Am Ende wurden Heejoo Kwon (Sopran), Jina Oh (Alt), Ferdinand Keller (Tenor) und Simon Amend (Bass) für das Konzert in der Lutherkirche engagiert, doch die anderen Teilnehmer gingen dank der intensiven Kursarbeit eben nicht leer aus.

Die Wahl überzeugte über weite Strecken: Einzig Oh verringerte mit ihrer zu dunkel gefärbten Partie ihre Textverständlichkeit. Die Männerstimmen gestalteten ihre Rollen hingegen angenehm lyrisch, wobei der baritonale Paulus von Amend ruhig ein wenig autoritärer mit den Muskeln hätte spielen können. Am meisten überzeugte Kwons linearer und knabenhaft-silbrig strahlender Sopran – alles in allem also ein wundervolles „Geburtstagsgeschenk“ für Mendelssohn, der just am Konzerttag sein 209. Wiegenfest hätte feiern können.

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