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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Spanisches Temperament

BUDENHEIM (1. August 2012). „Sommer ist, was in Deinem Kopf passiert“, singen die Kölner Wise Guys in einem ihrer Songs. Nun tritt diese beliebte A cappella-Formation nicht im Mainzer Musiksommer auf, doch lassen einen die meteorologischen Kapriolen derzeit des Öfteren die Phantasie bemühen, um diesen Tagen etwas sommerlich Sonniges abzugewinnen. Und genau hierfür bot sich das United Continuo Ensemble mit seinem Gastspiel in Schloss Waldthausen an.

Denn dort lud man zu einer „Fiesta Española“ ein: Gemeinsam mit Bernward Jaime Rudolph (Barock- und Flamencogitarre), Thor-Harald Johnsen (Laute und Barockgitarre), Jörg Meder (Viola da gamba), und Martin Piechotta (Percussion) enthob die Sängerin Mercedes Hernández die Soiree ihrem rein klassischen Charakter, was dem Konzert einen beschwingt mediterranen Goût gab.

Auf dem Programm standen Flamenco sowie spanische Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, wobei es hier nur auf den ersten Blick zum „Clash of cultures“ kam: Statt als stilistische Antipoden auseinanderzustreben vereinte gerade diese Melange die Strenge des Barock mit der rassigen Vitalität des volkstümlichen Tanzes, dessen Wurzeln auch im Maurischen und im Sephardischen zu finden sind.

Im Wechsel pendelten die Darbietungen zwischen dem 16. Jahrhundert und der Neuzeit, nachdem ein Cantus mit Instrumentalbegleitung aus anonymer Feder den Beginn gemacht hatte: Es ging (natürlich) um die Liebe und ihre mitunter zerstörerische Kraft, wenn sie nicht erwidert wird. Die besungenen Szenen gerieten durch die engagierte Adaption Hernández‘ zu kleinen Dramoletten und mit kraftvollem Sopran sang die Künstlerin gleichsam rezitierend und erzählte dabei ihre Geschichte mit klangvoll weichem Timbre und dramatischer Geste.

Die Instrumentalisten glänzten als Begleiter sowie im Ensemble: Da wurde die Barockgitarre zum Perkussions-Instrument, wenn Bernward Jaime Rudolph in „Jácaras“ von Gaspar Sanz (1640-1710) die abgeklemmten Saiten seines Instruments strich und Thor-Harald Johnsen dem Publikum wunderbare Melodien schenkte. Im „Ricercada Prima sobre Doulce Memoire“ umflorte das Gambenspiel den Lautenklang und einmal mehr wurde klar, warum man die Viola da gamba in die Nähe der menschlichen Stimme rückt. Zuvor bezauberte Mercedes Hernández in „Doulce Memoire“ von Pierre Sandrin (1490-1561) mit filigranem Belcanto auch im Liedgesang. Faszinierend gelang auch Rudolphs Eigenkomposition „Bulerías“ mit rasanten Modulationen und dynamischen Steigerungen.

So fühlte sich das Publikum in rund 20 Stücken gleichsam wie durch Zeit und Raum reisend. Unterhaltende Folklore und ernste Barockmusik? Was zuvor diametral auseinanderdriftende Pole zu sein schienen wurde durch diese „Fiesta Española“ zu einem harmonischen Ganzen gebunden. Rund 2.000 Kilometer liegen zwischen Schloss Waldthausen und der andalusischen Costa del Sol – das United Continuo Ensemble und Mercedes Hernández ließen ihre Zuhörer diese Strecke jedoch in knapp zwei Stunden zurücklegen. Die Ankunft in der Heimat erfolgte selbstverständlich vor Einsetzen des Nachtflugverbotes…

SWR2 sendet einen Konzertmitschnitt am 12. Januar 2012 ab 20.03 Uhr.

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