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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Verstörender Zeitenspiegel

MAINZ (24. März 2012). Zuweilen kann auch ein Passionskonzert eine Leidensgeschichte sein – und das muss nicht immer heißen, dass die Darbietenden ihre Kunst nicht beherrschen; Mitleid kann man auch mit den Künstlern haben, wenn ihr Programm kein großes Publikum anzieht.

Das anspruchsvolle Programm des Projektchors der Johanniskantorei unter der Leitung Volker Ellenbergers – die „Lukaspassion – 700.000 Tage danach“ von Gerd Zacher (*1929) sowie die thematisch gleichen Orgelwerke „Die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz“ von Ruth Zechlin (1926-2007) und Charles Tournemires (1870-1939) vertonte Christuszitate – lockte leider nur knapp 40 Zuhörer in die Johanniskirche.

Im Dunkeln erhebt sich Zechlins 1996 entstandenes Opus: Von „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ über „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ bis „Es ist vollbracht“ und „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ skizziert Ellenberger die Worte Jesu am Kreuz: kalte Furcht, zitternde Dialoge, ein verstörter Disput, der in einen Ton mündet, der markerschütternde Aufschrei des Gekreuzigten, das stotternde „Mich dürstet“ und die finale Ruhe im Angesicht des Todes.

Bei Zechlin treten die Bilder deutlicher hervor als in Tournemires Werk: Die Frage nach dem Grund der Kreuzeseinsamkeit und „Es ist vollbracht“ kommen deklamatorisch und mit mächtigen Akkorden daher; wunderbar gelingt Ellenberger hier jedoch der Kontrast zu einer pastoralen Stimmung, die im Widerspruch zu Jesu Hadern steht. Es ist das große Verdienst gerade dieses Organisten, solche Werke immer wieder konzertant zu präsentieren.

Gleiches gilt für das Wagnis Zachers „Lukaspassion – 700.000 Tage danach“ aufzuführen: 1968 komponiert ist das Werk wahrscheinlich nur in seiner Zeit zu erfassen, da es neben dem biblischen Wort, das notabene die Kreuzigungsszene ausspart, auch die damals sich in Auflösung befindliche, fest geglaubte gesellschaftliche Ordnung spiegelt. Die Aufführung hat daher auch einen stark dokumentarischen Charakter.

Aber kann, will und soll diese „Musik“ aus Sprechgesang, Tonsilben, Summen, Glissandi, Flüstern, Rufen und Schreien, Klatschen, einzelnen Deklamationen und stillen Passagen sowie individuellen Interaktionen im eigentlichen Sinn gefallen? So wird die Erkenntnis „Dieser ist wirklich Gottes Sohn gewesen“ mit stummen Lippen- und Handbewegungen in die Luft geschrieben und dann gestammelt.

Das Prinzip der Dekonstruktion verstört eher und geht während der 30minütigen Aufführungsdauer mit seinem fragmentarischen Duktus zuweilen bis an die Grenze des Erträglichen. Der Applaus, der erklingt, als die elf Choristen bereits den Kirchenraum verlassen haben, zeigt letztendlich vor allem eines: tiefen Respekt vor dem Mut und der Leistung der Interpreten.

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