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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Entdeckung zwischen den Klassikern

MAINZ (30. April 2011). Das Besondere an den Konzertprogrammen von Villa Musica ist der leichte Zwang zum Glück, den die Planer mit der Kombination von Alter Musik, Klassik und Moderne ausüben: Nicht selten entdeckt man zwischen dem Bekannten Bemerkenswertes.

Ein Paradebeispiel für diese aufgehende Rechnung war das jüngste Konzert der Reihe „Musik in Burgen und Schlössern“, das das Streichquartett Villa Musica im Erthaler Hof gab: „Aus meinem Leben“ hieß das Titel gebende Werk Bedřich Smetanas, das Quartett Nr. 1 e-moll, dem das Solfeggio für Streichquartett des 1935 geborenen Esten Arvo Pärt und Ludwig van Beethovens Opus 18 Nr. 5 vorangingen.

Den Anfang machte das letztgenannte Werk: Beethovens Streichquartett A-Dur bietet den Künstlern von Villa Musica ein breites stilistisches „Betätigungsfeld“, musikalisch möchte man fast „Spielwiese“ sagen. Die wilde Jagd zu Beginn des Allegros mit ihren kurzen Unisono-Passagen, aus denen sich wunderbare Akkordblüten erheben, die Nicolas Chumachenco (Violine I), Erika Geldsetzer (Violine II), Benjamin Rivinius (Viola) und Martin Ostertag (Violoncello) mit wunderbar langen Bögen illustrieren. Das unaufgeregte Menuetto mit seinen sich steigernden Dialogen und dem akzentreichen Schwingen leitet über zum breiten Klang des Andante cantabile, in dem die Musiker mit unbedingter Transparenz beeindrucken. Auf das sonore Cello Ostertags setzen sich der warme Ton von Rivinius‘ Bratsche und die hellen Violinen Geldsetzers und Chumachencos, die sich alsbald köstlich in Themenvariationen ergehen: Extrovertiertes Trillern, singende Melancholie und burschikoser Tanz werden hier meisterlich umgesetzt.

Gleiches galt für die tonale Biografie Smetanas: „Aus meinem Leben“ heißt das Streichquartett, mit dem der Komponist seine voranschreitende Ertaubung und das daraus folgende berufliche Ungemach retrospektiv in Klänge gefasst hat. Hier konnte sich das Publikum vor allem am dramatischen Gestus delektieren.

Als Binnenstück erklang der Pärt – und damit ein Tonjuwel en miniature der zeitgenössischen Musik. „Solfeggio“ heißt das Stück, in dem der Komponist die im 11. Jahrhundert von Guido von Arezzo eingeführte Bezeichnung der Sekundintervalle durch Silben (Do-re-mi-fa-so-la-si) umgesetzt hat. 1963 für Chor komponiert und 2008 für Streichquartett gesetzt, ist „Solfeggio“ ein klingendes Kaleidoskop voll delikater Reibungen, ein Klangbild, in dem die Streicher die Gegensätze von Hell und Dunkel mit dynamischer Finesse meditativ in Töne fassen. „Solfeggio“ erinnert ein wenig an das „Adagio for Strings“ von Samuel Barber, verwendet aber kleinere Gesten und wirkt dadurch noch eindringlicher – eine Sternstunde der Kammermusik, die das Streichquartett Villa Musica hier schuf.

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