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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zuviel des Guten

MAINZ (5. Dezember 2015). In den letzten Jahrzehnten brannten sich die Namen bestimmter Künstler interpretatorisch gleichsam ins Gedächtnis der Szene für Alte Musik ein: beispielsweise der von Tenor Peter Schreier oder Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, aktuell der des äußerst agilen Cembalisten und Dirigenten Ton Koopman. Und natürlich hat der Name von Reinhard Goebel einen besonderen Klang. Erst jüngst sprach der Violinist im Rahmen der Mainzer Musikdozentur 2015 an der Hochschule für Musik über seine Herangehensweise an Werke der Alten Musik.

Im Landesmuseum wurde dies jetzt sozusagen am „lebenden Objekt“ vorgeführt: Gemeinsam mit der Camerata Villa Musica hatte die Landesstiftung zum Konzert „Vivaldi mit Goebel“ eingeladen. Und der zeigte, dass auch Jahrhunderte alte Werke nicht betagt klingen müssen. Zumal sich im Ensemble junge Künstler von hoher Virtuosität vereint hatten, die den Esprit der Musik Vivaldis atmeten.

Musiziert wurde dessen Opus 3: Der 1711 veröffentlichte Zyklus „L’estro armonico“ umfasst zwölf Konzerte für Violinen und Streichorchester – zehn davon kamen in Mainz zur Aufführung. Schon die Besetzung entführte die Zuhörer in die Zeit des Komponisten: Dieser arbeitete damals mit rein weiblichen Orchestern – als Geigenlehrer des Ospedale della Pietà, eines Waisenhauses, das sich elternloser und unehelich geborener Mädchen annahm. Im Landesmuseum musizierten nun vier Geigerinnen, zwei Bratschistinnen sowie Künstlerinnen an Cello und Kontrabass – und ein nicht minder virtuoser „Quotenmann“ am Cembalo.

Als Dirigent trat Goebel an diesem Abend jedoch nicht auf, sondern beschränkte sich auf die Rolle des Spiritus rector, der mit den Musikerinnen die Werke intensiv einstudiert hatte, sie aber nun eigenständig arbeiten ließ. Und die waren hörbar Feuer und Flamme für Vivaldi in der Spielart des großen Barockspezialisten: Homogen und vollkommen aufeinander bezogen trumpfte die Camerata Villa Musica mit dichtem und kompaktem Klang auf.

Doch leider durchkreuzte ebendies auch den Hörgenuss gewaltig, denn für den eher flachen Gewölbesaal des Landesmuseums war die dynamische Kraft schlicht zu immens: Da der massive Klang nicht nach oben entschwinden kann, erreicht er das Publikum mit voller Wucht. Und die überdeckte leider – wie zu viel Salz oder Schärfe bei einem Essen – alle fraglos vorhandene Finesse der Interpretation.

Nein, dieses Spiels wurde man ob seiner enervierenden Penetranz allzu schnell müde. Warum Goebel nicht spätestens zur Pause eingriff, um die Dynamik den akustischen Möglichkeiten des Raums anzupassen, bleibt ein betrübliches Rätsel. Weniger wäre hier so viel mehr gewesen – so aber verleidete das Zuviel letztendlich alles. Schade.

Das nächste Konzert der Reihe „Barock im Landesmuseum“ wird am 30. April 2016 von „BarockVokal“ und der Camerata Villa Musica unter der Leitung von Fabio Bonizzoni gestaltet. Auf dem Programm stehen vokale und instrumentale Werke von Georg Friedrich Händel. Karten gibt es im Internet unter www.villamusica.de oder telefonisch unter 06131 9251800.

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