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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Himmlische Heerscharen am Werk

WIESBADEN – Schnell begreift das Publikum des Rheingau Musik Festivals, das den Windsbacher Knabenchor in diesem Jahr schon zum zweiten Mal präsentierte, wie Karl-Friedrich Beringer an das Bachsche Weihnachtsoratorium, dessen Kantaten I bis III und VI er im Wiesbadener Kurhaus aufführte, herangeht: Neben dem musikalischen Glanz, den die gut 70 Sänger des Windsbacher Knabenchores in gewohnter Brillanz aufleuchten lassen, soll hier „auch“ schlicht und einfach die Weihnachtsgeschichte erzählt werden. Und das nicht nur verständlich, sondern vor allem begeisternd wie überzeugend.

Tenor Thomas Cooley tut dies als Evangelist unaufgeregt, aber doch vom Gegenstand seines Berichts beseelt. Auch in den Arien gelingt ihm diese federnde Kernigkeit: Cooley gibt sowohl den geschmackvollen Chronisten des biblischen Geschehens als auch einen spannenden Kommentator.

Klaus Mertens‘ Bass ist ein schlankes Strahlen eigen, dessen baritonale Fülle den Zuhörer schon mit dem ersten Ton in seinen Bann schlägt. Arien und Rezitative gehen bei ihm stilistisch Hand in Hand, sein Gesang ist gesungenes Wort, ist fesselnde Lesung und Predigt zugleich. Die Arie „Großer Gott, o starker König“ entwickelte sich in Wiesbaden fast zum harmonischen Duell zwischen Sänger und der Solo-Trompete Joachim Pliquetts.

Das Solistenquartett von opulenter Eleganz wurde komplettiert von Rebecca Martin (Alt) und Jutta Böhnert (Sopran). Martin besang mit mal kraftvollem, mal wohlig warmem Alt das Jesuskind: In der Arie „Schlafe, mein Liebster“ schmiegte sich die Stimme in das Orchesterspiel wie in eine warme Decke. Böhnerts Sopran kam leuchtend transparent daher, ihre Rezitative als Engel gerieten verheißungsvoll, das Duett „Herr, dein Mitleid“ passgenau.

Die Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin mit ihren meist herausragenden Solisten und die Windsbacher sind nun schon lange und erfolgreich Bühnenpartner. In Bachs Oratorium zeig(t)en beide erneut, wie erfüllend und vitalisierend eine solche Liaison gerade in einem so oft gehörten Stück Musik wirken kann: Der Chor hat dieses Werk nach vier Jahren erstmals wieder in Angriff genommen und gerade mal acht Knaben kannten diese Musik schon. Und dennoch bestechen die Sänger in dichter Geschlossenheit mit akzentuierter Diktion und bestens ausbalanciertem Klang, dem das Orchester spielfreudig sekundiert.

Das galt an diesem Abend sowohl für die ruhige, ja friedvolle Sinfonia als auch für die akkurate Begleitung des Chores; im Schlusschoral der zweiten Kantate „Wir singen Dir in Deinem Heer“ schienen sie gar zwei Rollen zu spielen: Auf der einen Seite der übermütige (Engels-) Chor, auf der anderen das beschwichtigend musizierende Hirtenvolk, das dem schwungvollen Wiegen immer wieder Einhalt gebieten will.

Und dann: die Choräle. Hier ist Karl-Friedrich Beringer ein, ja vielleicht der unbestrittene Meister, der jedem Ton und jeder Silbe mal nüchtern introvertiert, mal voller Inbrunst und mit ausladender Geste seine ganz eigene Bedeutung, jedem Choral die ihm innewohnende Stimmung verleiht: Liebevoll zärtlich gerieten „Wie soll ich Dich empfangen“ und „Schaut hin, dort liegt im finstren Stall“, feierlich „Ach mein herzliebstes Jesulein“, beherzt „Ich will Dich mit Fleiß bewahren“, mitreißend glücklich „Seid froh dieweil“.

Und wenn die Windsbacher dann noch innig und voller Anmut „Ich steh‘ an Deiner Krippen hier“ intonieren, dann braucht es eigentlich gar keine anderen Geschenke mehr unterm Tannenbaum…

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