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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Folk ohne Folklore

NEUWIED – Satt leuchtet das Grün, das den Weg zur Abtei Rommersdorf säumt, nach diesem kräftigen Regenguss. Und warm glimmt die Abendsonne im gothischen Chor, in dem gleich „White Raven“ Lieder und Balladen aus Irland und Schottland vortragen und somit einen weiteren Farbtupfer ins Programm von RheinVokal 2009 setzen wird – stilistisch wie akustisch.

Während die Opern-Diva ihr Publikum (und vor allem dessen Applaus) braucht, um ihre Kunstfertigkeit darin zu spiegeln, scheint dies für „White Raven“ nicht so wichtig zu sein: Natürlich singen auch sie für ein Auditorium und ohne Zweifel ist die irische, schottische und englische Folklore vor allem eine gesellige Musik. Aber Kathleen Dineen, Robert Getchell und Raitis Grigalis stehen nur physisch auf der Bühne.

Im Geiste haben sie sich unter ihre Zuhörer gesellt und erzählen ihnen Geschichten von Liebe, Leid und Liebesleid, singen lustige wie traurige Balladen, reißen reich an Metaphern vor dem inneren Auge Landschaftsgemälde in den sattesten Farben auf und kleiden ihre Kunstfertigkeit in das scheinbar einfache Gewand des Volksgesangs.

Tatsächlich erlebt man hier aber drei köstlich miteinander harmonierende, vollkommen ausbalancierte und absolut homogene Stimmen: Weich und zart erblüht Kathleen Dineens Sopran, ungekünstelt und natürlich, schnörkellos und gradlinig sekundieren der Tenor von Robert Getchell und der Bariton Raitis Grigalis’ in den unbegleiteten Liedern des „sean nós“-Stils. Natürlichkeit paart sich hier mit sängerischer Perfektion und gebiert klare Transparenz.

Dazu das Spiel der Sängerin auf der keltischen Harfe: Gebannt lauscht man einfach diesen schlichten, ans Mittelalterliche erinnernden spröden Akkorden, die nicht mehr wollen als zu klingen, als das Erzählte einen Moment lang im Klang stehen zu lassen, bevor sich der Laut wieder verflüchtigt. Leider zerreißt der sicherlich verdiente Applaus nach jedem Lied die sorgfältig vorbereitete Stille, was den meditativen Charakter nie lange wirken lässt.

Dass der Abend nicht ins ätherisch Unfassbare gleitet, dafür sorgt auch Gerry O’Connor, einer der bekanntesten Fiddle-Spieler von der grünen Insel. Auch wenn das Rauchverbot in der irischen Gastronomie diesen Vergleich anachronistisch macht: Die Assoziation eines sämigen Guinness in einer von Tabakqualm geschwängerten Luft auf hartem Pub-Gestühl drängt sich bei solch torfig-rustikalem Spiel einfach auf. Grob indes ist diese Musik, die solistisch als Tanz und lustvoll ergänzende Gesangsbegleitung überzeugt, in keinem Moment.

SWR2 sendet einen Mitschnitt dieses Konzerts am 4. November von 13.34 bis 14.28 Uhr im Mittagskonzert.

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