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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Spannung und Entspannung

WIESBADEN (28. Oktober 2017). Was man aus einer Violinsonate von Johann Sebastian Bach alles lernen kann! Letztendlich bildet ein solches Musikstück, wenn es von den Interpreten denn recht verstanden wird, nicht weniger als ein Musterbeispiel für die menschliche Kommunikation ab: Reden, aber eben auch zuhören, den anderen zu Wort kommen und ausreden lassen, die eigenen Argumente dann nachdrücklich und natürlich im richtigen Ton darlegen.

Letztendlich sollten sie alle viel mehr Bach-Sonaten hören, die Donald Trumps und Kim Jong Uns dieser Welt – oder möglichen Jamaika-Koalitionäre in Berlin. Gelegenheit dazu hätten sie jetzt in der Schiersteiner Christophorus-Kirche gehabt, wo die Geigerin Ines Then-Bergh und Martin Lutz am Cembalo das zweite Konzert der 22. Wiesbadener Bachwochen musizierten. Auf dem Programm standen die beiden Violin-Sonaten BWV 1016 und 1018 für Duo sowie die Solo-Sonate BWV 1003.

Ines Then-Bergh glänzt im solistischen Spiel mit selbstbewusstem Ton, ihre Interpretation der a-Moll-Sonate geriet ansprechend. Die Künstlerin spürt dem Verzierungsreichtum im Grave des ersten Satzes aufmerksam nach: Weite Läufe, Doppelschläge und Triller schmücken die Kadenzen prachtvoll aus. Die anschließende Fuge geht Then-Bergh mit großer Transparenz an und lässt den Zuhörer das von Bach eingearbeitete Nebenthema überrascht entdecken. Das Andante ist dann Lyrik pur, ein wunderbarer, langsamer Satz, den Bach dem Solisten und damit dem Publikum da geschenkt hat: Ines Then-Berghs Spiel regt zum Träumen an und „weckt“ das Auditorium gleichsam mit den rasanten Dreiklangbrechungen im virtuos gespielten, finalen Allegro.

In den beiden Duo-Sonaten überzeugen die Interpreten durch ein Spiel auf Augenhöhe, was zu hören schlichtweg Spaß macht. BWV 1016 in E-Dur ist die prächtigste der Violinsonaten mit obligatem Cembalo. Hier „gaukelt“ Bach gleichsam ein Orchester vor, was Martin Lutz mit satten Akkorden abbildet, worüber die Geige im anfänglichen Adagio wie entrückt schwebt. Nach der galant musizierten Fuge hatte Bach eine weitere lyrische Idee: Die Passacaglia im Adagio des dritten Satzes gehen die beiden Künstler entspannt an, ohne dass es ihrem Spiel an Spannung gebricht – hier wird die instrumentale Dialogkunst Ereignis.

Der in Bachs-Kantatenwerk bewanderte Zuhörer horcht zu Beginn von BWV 1018 auf: Da erklingt doch das Thema der ersten Arie aus Bachs „Kreuzstabkantate“! Und genauso extrovertiert greifen die Künstler diesen Impetus auf, spielen den ersten Satz der f-moll-Sonate als melancholischen Klagegesang: Man lauscht – und genießt.

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