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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Gesungene Geschenke

MAINZ (13. Februar 2017). Er sei schon immer ein Spätzünder gewesen, erzählt der auch dem Mainzer Publikum bislang eher als brillanter Komödiant und humoristischer Sprachkünstler bekannte Willy Astor im Frankfurter Hof. Tatsächlich habe er erst mit 17 Jahren das Gitarrenspiel erlernt, davor war es das Akkordeon. Doch eines Nachmittags hätten Freunde von ihm an einem Badesee vor einer Mädchenschar die Klampfen gezupft, während ihm nur ein paar Schrebergärtner mit weißen Tennissocken lauschten. Solche Schlüsselerlebnisse prägen.

Mittlerweile ist Astor ein Meister auf der Gitarre. Doch er hat auch andere Seiten – oder Saiten, beides stimmt: Auch wenn er schon mit dem Titel des Programms „Chance Songs“ gewohnt locker mit den Worten jongliert, erfüllt er sich damit doch abseits der genialen Blödelei einen Herzenswunsch – einmal mehr als Spätzünder, denn aufgewachsen mit Liedermachern wie Reinhard Mey („Als diese noch in den dritten Radioprogrammen gespielt wurden…“) ist Willy Astor jetzt selbst unter die Dichter-Barden gegangen und hat das Ergebnis nicht nur zu einem herzerwärmenden Abend auf der Bühne geformt, sondern es auch gleich auf CD gebannt.

Gemeinsam mit einer fulminanten Band – Nick Flade (Piano und Arrangements), Ferdinand Kirner (Gitarre), Dominik Palmer (Bass) und Peter Oskar Kraus (Schlagzeug) – singt und spielt Astor Lieder über „das Leben und seine Stolperfallen“, über die Liebe und das Verlassenwerden, Marmeladenbrote und Hausboote. Es sind Songs, die Mut machen, die einen nachdenken lassen. Da ist das allererste Lied: „Einfach sein“, laut Astor Anstoß des gesamten Projekts, ein wunderbares Manifest über das, worauf es wirklich ankommt – WLAN am Waldrand, Krieg und Überfluss sind es auf jeden Fall nicht, hier auf der „Insel der Glückseligkeit“, so der Titel eines anderen Liedes. Man hört eine liebe- wie humorvolle Liebeserklärung an das Buch und andere Songs über die vermeintlich „unwichtigen Dinge“.

Dass Astor ein fesselnder Musiker ist, ist nichts wirklich Neues. Aber dass er, ohne den Schalk aus seinem Nacken zu verscheuchen, auch als singender Geschichtenerzähler tief berühren kann, ist eine buchstäblich unerhörte Erfahrung, die das Mainzer Publikum hier mit 15 neuen, folk-rockigen Liedern (und bayerischen Zugaben aus dem älteren Repertoire) geschenkt bekommt.

Wenn der Sänger von jedem behauptet, es sei sein Lieblingsstück, dann glaubt man ihm das sofort, denn es sind ja irgendwie auch seine geistigen Kinder, von denen jedes ein eigenes Talent mitbringt: Ein Lied erheitert, ein anderes ist eine Anspielung, das nächste klingt einfach famos und wieder ein anderes geht einem unheimlich nahe. Doch alle eint eines, um einen letzten Titel zu zitieren: Sie erweitern den „Horizont“.

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