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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut

FRANKFURT (7. Dezember 2012). Wie ein fein gesponnener Faden zieht sich das Bild von der zum Christfest erblühenden Rose leise, aber spürbar durch das Programm des Windsbacher Knabenchores: im ausformulierten Sinnbild und vor allem im Klang.

„Nun sei uns willkommen, Herr Christ“ intonieren die sonoren Männerstimmen einem gregorianischen Choral gleich und als die Knaben mit ihrem „Kyrie eleison“ einsetzen, fächert sich der Klang transparent und volltönend auf. Es ist immer wieder eine Freude, gerade diesem Chor zuzuhören – schon vom ersten Ton an.

Günter Raphaels (1903-1960) wunderbares „Advents-Kyrie“ fehlt natürlich nicht und hier zeigen die Windsbacher mit Sopran Jonathan Mayenschein (Sopran) und Tenor Joschka Nehls (Tenor), welch exquisite junge Solisten sie in ihren Reihen haben. Da sitzt jeder Ton und – Jaro Kirchgeßner (Alt) und Marius Kaufmann (Bass) drücken dies später in gleicher Intensität aus – es klingt: ungekünstelt, unangestrengt, unaffektiert – dafür natürlich, authentisch und vor allem: echt.

War dieses „Advents-Kyrie“ schon ein geradezu sinnliches Klangerlebnis setzt Chorleiter Martin Lehmann im Frankfurter Domkonzert mit der 14-stimmigen Clustermotette von Jan Sandström (*1954) ein markantes Zeichen: Auf sphärischem Klanggrund entspinnt sich der Choral „Es ist ein Ros entsprungen“ – auch dies klingt vollkommen entspannt und unverkrampft. Natürlich singen hier keine Engel, sondern Jungs aus Fleisch und Blut – doch die Musik, die sie da machen, scheint aus einer anderen Welt zu kommen. Es gibt Stücke, die hat man sich schon immer gewünscht mit dem Windsbacher Knabenchor zu hören – dies ist eines davon. Und es trifft den Zuhörer mitten ins Herz.

Nach Max Regers (1873-1916) „Und unser lieben Frauen“ mit hingebungsvoll ausgesungenen Bögen geht Dirigent Lehmann mit der „Ceremony of Carols“ von Benjamin Britten (1913-1976) dann eigene Wege – und macht damit einen klugen Schritt. Denn wenn er in seinem ersten Weihnachtsprogramm, das er mit den Windsbachern aufführt, nur auf den bekannten Pfaden wandelte, würde man nolens volens Vergleiche mit seinem Vorgänger anstellen (die er notabene nicht zu scheuen bräuchte!)…

So aber setzt Lehmann neue Akzente und erweitert in diesem Domkonzert den Horizont seiner Sänger und ihres Publikums gleichermaßen. Gemeinsam mit dem Harfen-Genius Xavier de Maistre, der das Konzert mit Carlos Salzedos Transkription der c-moll-Sonate für Cembalo von Giovanni Battista Pescetti (um 1704-1766) stimmungsvoll eröffnet hatte, intonieren die Knabenstimmen der Windsbacher Brittens „Kranz von Lobechören“.

Der Chor beginnt mit der Procession „Hodie Christus“ im gregorianischen Stil unisono. Und gerade das beeindruckt bereits: wie die Jungs vollkommen homophon singen, selbst hier schon eine Strahlkraft an den Tag legen. Mehrstimmig leuchten die Stimmen dann untermalt vom perlenden Harfenton de Maistres und Lehmann spielt in einzelnen Phrasen geschickt mit der Dynamik. Seine Sänger sind ganz bei ihm, die Freude an dieser Musik ist nicht nur hör-, sondern auch sichtbar. Den Vergleich mit den besten englischen Knabenchören brauchen diese Jungs selbst bei Britten nicht zu fürchten.

Und auch hier bezaubern die Soli von Jonathan Mayenschein und Jaro Kirchgeßner, allein von der Harfe begleitet oder in den Chorklang eingebettet. Lehmann und seine Knaben verleihen jedem dieser Carols einen unvergleichbar schönen Schmelz: vom federleichten Wiegenlied „Balulalow“ über den lichten Cantus „As dew in April“ bis hin zum packenden „This little babe, so few days old, is come to rifle Satans fold“ mit seinen Echoeffekten.

Die anschließend vom Chor besungene „freezing winternight“ ahnt Xavier de Maistre in seinem Interludium bereits voraus: Mit den zart angezupften Saiten seiner Harfe lässt er filigrane Eisblumen entstehen, in denen sich das Licht der aufgehenden Sonne zu brechen scheint – da ist es wieder, dieses Aufblühen und de Maistre lässt sein Instrument hierbei geradezu singen. Auch in Antonio Vivaldis (1678-1741) von Stefan Klieme arrangiertem Concerto in G-Dur (RV 299) und in „La Mandoline“, der Grande Fantaisie für Harfe von Elias Parish-Alvars (1808-1849) ist das zu hören. Womit sich sein Klang auf perfekte Weise in dem der Windsbacher spiegelt – und umgekehrt.

Nach Brittens Opus 28 überwindet der Knabenchor mit seinem Gesang einmal mehr die Grenzen. Die von Max Beckschäfer (*1952) gesetzten „Europäischen Weihnachtslieder“ für Chor und Harfe aus den Niederlanden, Italien, Spanien, Deutschland, Frankreich, Spanien und England lassen verschiedene Besetzungen zu Wort kommen: den gläsern durchhörbaren Männerchor und die traumhaft homogene Polyphonie – das, was über diesen Chor im Programmheft zu lesen ist – er sei ein „Synonym für Musikalität, Genauigkeit und Reinheit des Klangs“ – wird hier berückend zum Ereignis. Was auch die letzten beiden Lieder im Programm beweisen: das klangvolle „Preis sei Gott im höchsten Throne“, das feierliche „Adeste, fideles“, für das die Windsbacher keine Bläser brauchen.

Und im krassen Gegensatz zum pulsierenden Geschiebe auf Frankfurts Weihnachtsmärkten geht das Konzert mit leisen Zugaben zu Ende: Xavier de Maistre spielt eine hinreißende Bearbeitung von Francisco Tárregas (1852-1909) „Recuerdos de la Alhambra“ und der Windsbacher Knabenchor drückt im schlichten Satz Johann Eccards (1553-1611) das aus, was man seit Konzertbeginn fühlte: „Ich steh‘ an deiner Krippen hier, o Jesulein, mein Leben; / ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. / Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, / nimm alles hin und laß dir’s wohlgefallen.“

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