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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Intensiv leuchtende Klangfarben

MAINZ (2.Oktober 2014). Ein schönes Bild, das sich dem Besucher des jüngsten Konzerts im Mainzer Dom zum Schluss bietet: Da stehen die Mitglieder des Windsbacher Knabenchores auf den Altarstufen des Westchors und stimmen ein in den Applaus, den ihnen das stehende Auditorium schenkt.

Ihr Beifall gilt nicht nur dem Organisten Thomas Höpp, sondern vor allem den Knaben des Mainzer Domchors: Als Gastgeber der Reihe „Psallite Deo – Knabenchöre zu Gast im Hohen Dom zu Mainz“ und mit ihren Familien auch Herbergsbrüder für eine Nacht hatten sie das Konzert in großer Besetzung eröffnet.

So lernten die Jungs aus Windsbach neben der „Suite gothique“ op. 25 für Orgel von Léon Boëllmann auch Chormusik kennen, die sich wohl kaum im Repertoire eines protestantischen Knabenchors findet: das „Lauda Sion“ von Giovanni Pierluigi da Palestrina oder das „Dixit Maria“ von Hans Leo Hassler – letzteres Stück wird sich auch auf der CD finden, die die Musica sacra jüngst aufgenommen hat.

Nach der von Domkapellmeister Karsten Storck dirigierten vokalen Ouvertüre und zwei Orgelsätzen erlebte das Publikum dann mit dem Windsbacher Knabenchor ein Vokalensemble, das zu Recht zu den besten seiner Art weltweit gezählt wird. Martin Lehmann, seit drei Jahren Künstlerischer Leiter der Windsbacher, ist nicht nur dazu in der Lage, diesen Ruf weiterhin zu behaupten: Er hat dem Klangkörper mittlerweile ein neues, eigenes Profil gegeben. Die viel gelobte Akkuratesse seines Vorgängers Karl-Friedrich Beringer, der den Windsbacher Knabenchor bei seinen Domgastspielen 1986 und 1995 dirigierte, wird auch von Lehmann gepflegt. Doch klingt der Gesang heute entspannter, leichter – und dadurch authentischer.

Da sind die Psalmen von Felix Mendelssohn Bartholdy mit cremigem Klang und dramatischen Steigerungen, Johann Stadens „Deutsches Magnificat“ mit faszinierend transparenter Diktion sowie beeindruckenden Soli und das achtstimmige „Aus der Tiefe“ von Heinrich Schütz, bei dem man meint, im Tutti einen Fernchor zu hören, so hauchzart ist das Pianissimo in den entsprechenden Registern. Auch das sphärische „Peace I leave with you“ von Knut Nystedt lässt kaum glauben, dass die Windsbacher nach den bayerischen Sommerferien erst vor zwei Wochen wieder ihre Probenarbeit aufgenommen haben.

Die Knaben singen fast alles auswendig und sind mit den Augen ganz beim Dirigenten: Der führt sie mit großen Gesten, malt gleichsam Klangbilder, für die ihm die Knaben- und Männerstimmen intensiv leuchtende Farben anbieten. Lehmann liebt das Detail in Agogik und Dynamik: Jähe Wechsel der Tempi und vor allem das sanfte Abschattieren des Klangs machen jedes einzelne der gesungenen Werke zu etwas Besonderem.

Bevor die Windsbacher in ihre Mainzer Gastfamilien zurückkehren und am Feiertag im Chorhaus des Doms für das abendliche Konzert im unterfränkischen Marktheidenfeld proben, singen sie noch eine wunderbare Zugabe: „Bleib bei uns“, das Abendlied von Joseph Gabriel Rheinberger – ein Segenswunsch, den das Publikum sicherlich mit dem Anliegen verbindet, der Windsbacher Knabenchor möge nicht wieder 19 Jahre bis zu seinem nächsten Besuch in Mainz vergehen lassen.

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