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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Klangvolles Glaubensbekenntnis

NÜRNBERG (3. Juni 2017). Das Programmheft schweigt sich über den Termin aus und so ist es wohl eher ein glücklicher Zufall, dass das große Reformationskonzert des Windsbacher Knabenchors gemeinsam mit Solisten und dem Ensemble Wunderkammer am 3. Juni in St. Lorenz ausgerechnet am Vorabend von Pfingsten zu hören ist.

Auch hier geht es um einen „neuen Geist“, nämlich den der Lehre Martin Luthers – und auch hier wird teils in „unbekannten Zungen“ gesungen, nämlich mit Werken der fränkischen Reformation: von Caspar Othmayr (1515-1553), Jakob Meiland (1542-1577), Leonard Lechner (1553-1606), Johann Eccard (1533-1611), Melchior Franck (~1580-1639), Johann Staden (1581-1634), Johann Erasmus Kindermann (1616-1655) und Johann Pachelbel (1653-1706). Alle lebten und wirkten sie in der fränkischen Heimat der Windsbacher, in Nürnberg, Ansbach, Coburg oder Bayreuth.

Es ist zweifelsohne eine spannende Reise, der man sich da anschließt – durch Zeiten und Stile. Als Fackel erleuchten Luthers Choräle den Weg, denn sie bilden die Textgrundlage der gesungenen Motetten. Mal im schlichten Chorsatz, mal instrumental untermalt, mit Solisten, Echo-Ensemble oder Chor latens. Altus Yosemeh Adjei war einst selbst Windsbacher Sänger, mit ihm musizieren Isabel Jantschek (Sopran), Tobias Mäthger (Tenor) und Felix Schwandtke (Bass) als klangschönes und wunderbar harmonisches Quartett. Hinter ihnen der Windsbacher Knabenchor: schlank besetzt, gewohnt intonationssicher und genau in der Diktion.

Dass die Solisten zuweilen etwas schwer zu orten sind in der Akustik der mächtigen Nürnberger Kathedralkirche, erweist sich nicht unbedingt als Schwäche, denn dadurch schmiegen sie sich an den Chorklang, ohne ihn dominieren zu wollen. Der Rundfunkmitschnitt, der am 28. Oktober 2017 um 13.05 Uhr auf BR-Klassik in der Sendung „Cantabile“ zu hören ist, wird diese kleinen Unwuchten eliminiert haben. Die Violinisten Andreas Pfaff und Tristan Braun, Sarah Perl (Viola da Gamba), Ercole Nisini (Posaune), Stefan Maas (Laute und Theorbe) sowie Sebastian Knebel (Orgel) ereilt das gleiche Schicksal – in St. Lorenz wie hoffentlich dann auch im Radio.

Als Hörer ist man auf jeden Fall überwältigt von der Klangpracht, die da auf einen einströmt. Dass man das durchaus wörtlich nehmen kann, ist der einzige Schatten, der sich zuweilen vor die bemerkenswerte, sonnige Qualität dieses Konzerts schiebt: Drei Jahre zuvor präsentierten die Windsbacher am gleichen Ort den eigens neu editierten ersten Band von Johann Stadens Kirchenmusik und eröffneten damit einen wahrhaft atemberaubenden Blick auf die Klangpracht dieses einen Meisters. Auch aus diesem Kanon erklingt heute seine Musik, jedoch in Kompilation mit anderen Komponisten. Und das fordert nicht nur die jungen Sänger, sondern vor allem auch den Zuhörer. Doch wird, um im Bild zu bleiben, auch hier das wiederholte Hören am 28. Oktober für mehr Licht sorgen und das Pasticcio aus der Motettenkunst des 16. und 17. Jahrhunderts sicherlich „ordnen“.

Im Nachhinein irritiert wohl eher das Ungewohnte und daher Neue, dem man hier in der Alten Musik begegnet – Meiland und Othmayr sind eben nicht Bach oder Mendelssohn. Insofern darf ein solches Konzert durchaus auch als lohnenswerter Weckruf verstanden werden, sich immer wieder überraschen zu lassen und nicht beim Bekannten zu verharren. Dazu gehört an diesem Abend auch die Aufforderung, bestimmte, im Textheft abgedruckte Choräle gemeinsam zu singen.

Letztendlich herrscht eine faszinierende Harmonie zwischen den großen und kleinen Künstlern. Mehr noch als einzelne Klangmomente bleibt an diesem Abend aber die Bewunderung haften, mit welcher Akribie sich Dirigent Martin Lehmann und seine Windsbacher dieser Werke und damit der Botschaft Luthers angenommen haben und sie, man kann es ruhig so nennen, hier und heute predigen. Was keinesfalls weniger als die unbestrittene Qualität zählt, ist der wichtige wie wertvolle Beitrag zum Reformationsjubiläum, der hier erbracht wird: Luther ist auch nach 500 Jahren noch aktuell und Gott, wie das Motto des Konzerts Psalm 46 zitiert, für die Christenheit Zuversicht und Stärke. Nichts anderes wird hier besungen.

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