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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Friede mitten im Weltgetümmel

EBERBACH (15. Juli 2010). „Soli deo gloria“ – allein Gott zur Ehre – steht über dem Gesamtwerk Johann Sebastian Bachs. Und somit erklang zumindest im übertragenen Sinn dieses „Gloria“ gleich drei Mal während des Rheingau-Gastspiels des Windsbacher Knabenchores: als Vivaldis festliches Oratorium (RV 589), als Satz in Schuberts Messe Nr. 2 G-Dur (D167) und eben als Bachkantate „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“ (BWV 27).

Ob die Schulabgänger in den Reihen des Chores den Eingangschoral der Kantate ein wenig autobiografisch verstehen? Zum vorletzen Mal treten sie an diesem Abend mit „ihrem Chor“ auf: Karl-Friedrich Beringer hat mit Ende des Schuljahrs den herben Verlust von 14 Männerstimmen – darunter allein sieben Tenöre! – zu verkraften. Sollte – beiderseits! – Wehmut mitklingen, wird sie zumindest trefflich ins Gesamt eingewoben.

Den Anfang macht also das „Gloria“ von Vivaldi: Agil beginnt das Münchner Kammerorchester, denn Beringer verlangt ein frisches Tempo. Wie ein gestochen scharfer Durchschlag legt sich der Chor auf den instrumentalen Klang: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Im „Et in terra pax“ formen die Knaben die kantigen Modulationen elegant aus und blühen jäh auf, als der Adressat des Friedensgrußes genannt wird: „Hominibus bonae voluntatis“ – den Menschen Seines Wohlgefallens.

Karl-Friedrich Beringer erweist sich auch hier als „Meister der lateinischen Sprache“, die er plastisch in Musik übersetzt: Festlich schreitet das „Gratias agimus tibi“ und im „Domine fili“ prescht der Chor wie auf einem edlen Geblüt einher. Mit Ingeborg Danz (Alt) und Jutta Maria Böhnert (Sopran) haben die Windsbacher zudem zwei wunderbare Solostimmen in ihrer Mitte: Danz‘ Alt steht im Duett „Laudamus te“ ansprechend präsent im Vordergrund und Böhnerts Sopran schwebt leichtfüßig darüber.

Vor dem finalen „Cum sancto spiritu“ wiederholt sich im „Quoniam tu solus sanctus“ der Schwung vom Anfang des „Gloria“ – Beringer aber bremst das Tempo abrupt ab und verleiht dem gesungenen Wort damit ein umso größeres Gewicht: „Du allein der Herr, Du allein der Höchste: Jesus Christus!“ Vivaldi kann so langweilig sein – hier wird er zum Erlebnis.

Nimmt der Chor in der Schubert-Messe die zentrale Rolle ein, hat Bach den Knaben in seiner kleinen Kantate 27 „nur“ zwei Choräle zugedacht. Aus denen macht Beringer aber wieder etwas ganz Großes: Wie von ferne fragt der Chor „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“ in Korrespondenz mit dem Solistenquartett, das durch Markus Schäfer (Tenor) und Thomas Laske (Bass) delikat ergänzt wird. Gewisse Worte lässt der Dirigent bewusst überbetonen: Ende, Tod, Todesnot und Blut – aber eben auch: „Mach’s nur mit meinem Ende gut!“

In den folgenden Betrachtungen der Solisten hat Böhnert ihr anfangs phasenweise irritierendes Tremulieren abgelegt, Danz überzeugt einmal mehr mit dunklem, sattem Alt und Laske stürtzt sich in seiner Arie tonal ins besungene Weltgetümmel. Doch dann wieder der Chor: Sphärisch, wie von außerhalb streut er sein „Welt ade!“ ein und braust nur kurz auf: „Welt, bei Dir ist Krieg und Streit, nichts denn lauter Eitelkeit“, um sich nach diesem Statement von aktueller Brisanz wieder zurückzuziehen: „In dem Himmel allezeit: Friede, Freud‘ und Seligkeit.“

Mit Schuberts G-Dur-Messe outet sich Beringer als „bekennender Romantiker“: Große Bögen, intensiv ausgesungene Rede im „Gloia“ überzeugen, bis es im „Credo“ zu leichten Verschiebungen der Homogenität zwischen Chor und – dem ansonsten makellos musizierenden! – Orchester kommt. Doch schnell fügt Beringer seine Klangkörper wieder zusammen und geht mit tonmalerischem Pinselstrich über diesen kleinen Makel: „Crucifixus“ reißt den Zuhörer aus der vermeintlichen Ruhe und begeistert stimmen die Windsbacher das „Sanctus“ an, um im „Agnus Dei“ mit Sopran und Bass andächtig zu enden.

Schuberts Messen stehen nicht so oft auf dem Programm, als dass man sie durch und durch kennt. Beringers Interpretation stößt einen dabei auf die dick gedruckten Schlägwörter in der Programmheft-Anzeige des Deutschlandfunks, der dieses Konzert aufgezeichnet hat und zu einem späteren Zeitpunkt senden wird. Und dort steht: „Denken. Fühlen. Wissen.“ Denn die G-Dur-Messe ist nicht das einzige Schubert-Werk, dem sich die Windsbacher angenommen haben; erst vor kurzem präsentierte Sony den äußerst hörenswerten Mitschnitt der As-Dur-Messe: www.schreibwolff.de/tip/schubert-messe-windsbacher-knabenchor.

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